Prolog

Freitag, 7. Januar, New Orleans

Jamie McForest zog ihre Schwester sanft heran. „Cindy, Maus, was stimmt nicht?“
Die schmalen Schultern der Siebzehnjährigen zuckten, die Knochen ihres mageren Körpers stachen durch das schlabbrige Sweatshirt gegen Jamies Brust. Heilige Muttergottes, Cindy hatte noch mehr abgenommen. Wie hatte sie das übersehen können? Vorsichtig darauf bedacht, ihre Besorgnis zu verbergen, ließ sie die Hände über Cindys Rücken gleiten. Durch den Stoff glaubte sie, jede Rippe einzeln zu spüren. Sorge mischte sich mit einem Anflug von Wehmut. Der ehemals leicht mollige Teenager hatte unbemerkt längst die Formen einer jungen Frau gewonnen. Hatte Cindy nicht bis vor Kurzem noch über ihre viel zu dicken Oberschenkel und ihren Elefantenhintern gejammert? Wann hatte Jamie sie das letzte Mal vor einem Spiegel stehen sehen – sich drehend, mit verrenktem Hals, sodass sie Angst bekam, Cindy würde sich das Genick brechen? Hatte Jamie ihr nicht erst vor einer Woche mit einem Lächeln über die rosigen Wangen gestrichen in einem Gesicht, aus dem noch Babyspeck hervorschaute? Jetzt fehlte der unendlich strahlende, unschuldige Kinderblick und Jamie ging auf, dass all das Monate zurücklag. War es sogar schon ein ganzes Jahr?
Schande! Ihr Job fraß sie auf, raubte ihr die Zeit, die sie brauchte, um den Anforderungen einer Jugendlichen gerecht zu werden. Sie tastete erneut über die zerbrechliche Gestalt, fuhr die zierliche Taille entlang, herauf bis zu Cindys Nacken und an ihren dünnen Armen hinab, bis Cindys Hände in ihren lagen. Das Mädchen litt nicht etwa an Bulimie? Sie pustete ihr eine giftgrüne Haarsträhne inmitten der schwarz gefärbten Mähne aus der Stirn. „Liebes, erzähl mir, was los ist.“
Jamie bekam Sodbrennen, wie häufig, wenn sie nervös war oder es eilig hatte und etwas sie aufhielt. Dennoch warf sie keinen Blick auf die Uhr, deren Ticken von der Wand wie ein Ultimatum klang, lauter und bedrohlicher von Minute zu Minute. Sie kam zu spät zum Nachtdienst. Commander Bob würde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie zur Strafe hart ranzunehmen. Wahrscheinlich donnerte er ihr wieder sämtliche Drecksjobs auf, die es zu erledigen gab. Die unbeliebteste Arbeit während der Schicht – das Wegputzen der dünnflüssigen Hinterlassenschaften der festgenommenen Betrunkenen aus dem Streifenwagen. Anschließend würde er sie mit dem stinkenden Fahrzeug zum nächsten Einsatz ins chaotischste Viertel der Stadt schicken. Jamie schüttelte sich innerlich. Es half nicht. Sie musste da durch, komme, was wolle. Eine weitere Stufe der Karriereleiter zu erklimmen bedeutete noch ein Vierteljahr auf der Straße.
„Cindy, sprich mit mir. Ich kann dir doch nicht helfen, wenn ich nicht weiß, was dich bedrückt.“
Bob teilte sie garantiert mit Smith zur Streife ein. Das tat er, wenn er ihr eins auswischen wollte, weil er wusste, dass Smith ihr nachstellte und sie auch diesmal Mühe haben würde, seine plumpen Annäherungsversuche abzuwehren.
„Bradly Hurst“, flüsterte Cindy heiser.
Jamie betrachtete das blasse Antlitz.
„Von wem redest du?“ Ein Kloß wuchs in ihrem Hals. Sie unterdrückte den Drang, über Cindys feuchte Wimpern zu streichen, weil sie wusste, dass die Kleine das nicht mochte. „Wer ist Bradly Hurst?“
Jetzt rollten Tränen über Cindys Wangen. Die Wanduhr schlug zehn Uhr. Cindy machte sich los und vergrub ihr Gesicht im Stoff der Ärmel. Als sie aufblickte, zeugten nur noch ihre geröteten Augen vom Weinen. „Du bist viel zu spät.“
„Ich weiß.“
„Du wirst wieder Theater kriegen.“
Jamie lachte trocken auf. „Ich weiß.“
„Lass uns morgen früh drüber quatschen.“
„Versprochen?“
Cindy hob die Rechte zum Schwur.
Jamies Dienstjacke und ihr Holster lagen bereit. Rasch zog sie sich an. Sie nahm ihr Halskettchen ab und griff nach dem daran hängenden Schlüssel für den Waffenschrank, den sie vor Monaten mit ihrer Polizeiausrüstung gekauft hatte. Beim NOPD, dem New Orleans Police Department, entsprach es dem Alltag, dass Polizisten ihre gesamte Ausstattung auf eigene Kosten anschafften.
Cindys Augenmerk klebte an jedem Handgriff. Begierig saugte sie den Anblick der Uniform, des Gürtels, der am Hosenbund baumelnden Handschellen auf. Das hatte sie bereits als kleines Mädchen getan und viel eher Polizistin werden wollen als Jamie es jemals für sich ins Auge gefasst hatte. Gott, wann hatten sie das letzte Mal über Cindys Berufspläne gesprochen? Sie stand kurz vor dem Highschool Abschluss … langsam wurde es allerhöchste Eisenbahn. An der Tür drehte sie sich um.
„Hat es wirklich Zeit bis morgen?“
Cindy nickte. „Ich mache Frühstück.“
„Danke. Ich freu mich drauf.“ Sie warf eine Kusshand in den Raum.
„Du siehst echt trashig aus, weißt du das?“
Jamie lächelte und eilte davon. Auf dem Weg zum Revier kreisten ihre Gedanken darum, wer Bradly Hurst sein könnte. Einen Verehrer schloss sie nach rascher Überlegung aus. Auch wenn Cindys Tränen zuerst Liebeskummer vermuten ließen, glaubte sie nicht daran. Etwas hatte im Ausdruck ihrer Schwester gelegen, das tiefer ging. Schmerz. Angst? Verlorenheit auf alle Fälle. Plötzlich erkannte sie es: Es war der Blick in eine einsame Seele, in der ein Fünkchen Hoffnung aufblitzte, als Jamie Cindy in die Arme gezogen hatte. Vertrauen, das sie nicht länger enttäuschen durfte.
Ein bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge. Sie hatte Cindy zu sehr sich selbst überlassen und das in einer tief greifenden Zeit ihres Lebens, der Pubertät. Jamie hatte die Veränderungen nur unterschwellig registriert und sie als normal abgetan. Klar, sie hatten über alles Mögliche geredet – Freundschaft, Liebe, Sex. Sie war froh, dass Cindy die Auffassung vertrat, auf den Richtigen warten zu wollen. Obwohl sie einander Vertrauen schenkten und nie ein Blatt vor den Mund genommen hatten, musste Cindy ihr irgendwann in den vergangenen Monaten entglitten sein und sie hatte es nicht gemerkt. Oder nicht sehen wollen.
Jamie fuhr abrupt an den Straßenrand. Zum Teufel mit Bob. Sollte er kurzfristig jemand anderen für die Schicht einteilen. Sie musste zurück und mit Cindy reden. Viel zu lange hatte alles Zeit bis morgen haben müssen und sie spürte, dieses Mal verhielt es sich anders. Cindy brauchte sie. Sie fischte das Handy aus der Tasche und rief ihren Vorgesetzten an. Nach einem knappen Gespräch beeilte sie sich, nach Hause zu fahren. Den unfreundlichen Ton im Ohr verdrängte sie. Noch so ein Vorfall, und sie würde mit einem Vermerk in ihrer Dienstakte rechnen müssen. Etwas, das sie sich ganz und gar nicht erlauben konnte. Gerade beim NOPD lag die Messlatte für Polizisten besonders hoch. Selbst nach dem akribischen Background-Check zur Zulassung an der Police Academy durfte man sich nicht den geringsten Schnitzer leisten.
Sie setzte den Blinker und bog in die Straße ein, in der das geräumige Einfamilienhaus lag, das Cindy und sie von ihren Eltern geerbt hatten. Irgendetwas stimmte nicht. Hatte sie es im Blut oder bildete sie es sich ein? Die Straßenlaternen warfen kreisrunde Lichter auf die Straße, es gab nur wenige Stellen, an denen in der Dunkelheit verborgen Gefahren lauern mochten. Die Nachbarhäuser rechts und links strahlten anheimelnde Wärme aus, ein Kontrast zu der frostigen Nacht. Neujahr lag gerade hinter ihnen und die Temperaturen sanken nachts teilweise unter den Nullpunkt. Jamie betätigte die Fernbedienung für das Garagentor, das sich umgehend in Bewegung setzte. Da erkannte sie, was sie beim ersten Blick gestört hatte. Ihr Haus lag als einziges wie in tiefem Schlaf. Kein Schimmer fiel aus dem Inneren, alle Rollläden waren heruntergelassen. Merkwürdig. So früh ging Cindy nie zu Bett und sie schloss die Jalousien – wenn überhaupt – üblicherweise nur im Erdgeschoss. Jetzt allerdings war auch das Obergeschoss verriegelt und verrammelt. Was war hier los?
Nur Mom hatte immer darauf bestanden, nachts auch in den Schlafräumen die Rollläden zu schließen. Sie hatte sie aus ihrer Heimat Deutschland importieren lassen, während Dad sich beim Hausbau krummlachte, als Mom auf den Einbau bestand. Melancholie wollte Jamie gefangen nehmen, doch sie schluckte die Trauer hinunter und beeilte sich, aus dem Wagen zu steigen. Durch die Zwischentür von der Garage gelangte sie in einen Hauswirtschaftsraum und von dort in die stockdustere Küche.
„Cindy?“ Sie rief laut, damit es bis in die obere Etage drang. Ihre Schwester antwortete nicht. Im Vorbeilaufen drückte Jamie auf jeden Lichtschalter und steuerte geradewegs die Treppe an. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Sie beschleunigte die Schritte, rannte, und stieß Cindys Zimmertür auf. Vielmehr versuchte sie es und prallte an der verschlossenen Tür zurück. Der Schwung ließ sie straucheln und brachte sie zu Fall. Sie landete rücklings auf ihren vier Buchstaben. Verflucht!
Ihre Reflexe reagierten, sie rollte sich auf dem Rücken ab. In einer fließenden Bewegung löste sie die Lasche des Holsters und hielt ihre Glock entsichert in der Hand. Gleichzeitig zog sie die Knie vor den Oberkörper und trat mit beiden Füßen schwungvoll vor die Tür. Noch während das Türblatt krachend gegen die Wand flog, preschte sie vor. Mit geübtem Blick maß sie die Umgebung ab und erkannte, dass keine Gefahr lauerte. Sie senkte die Waffe, blieb jedoch in Sprungbereitschaft. Hatte Cindy sich vor einem Einbrecher verschanzt? Blödsinn. Dann hätte sie wohl nicht das ganze Haus abgeschottet. „Cindy!“
Ein klägliches Ja ertönte aus dem angrenzenden Badezimmer, das zwischen Cindys und ihrem Zimmer lag und von beiden Seiten begangen werden konnte. Einen Atemzug später stand Jamie vor der Tür. Sie holte tief Luft und griff nach dem Türknauf. Im nächsten Augenblick lag Cindy an ihrer Brust.
„Ich bin so froh, dass du es bist.“
Jamie hielt sie mit einem Arm und drehte sich gleichzeitig, um den Raum in ihrem Rücken im Auge zu behalten. Vielleicht verharrte doch noch jemand im Verborgenen. „Was ist passiert, Maus? Ist jemand im Haus?“
„Nein.“ Cindy schniefte. „Aber draußen.“
Sofort gingen ihre Sinne noch stärker in Alarmbereitschaft. „Wer? Wo?“
„Bradly Hurst.“
Verdammt. Wer war dieser Typ und was hatte das alles zu bedeuten? Jamie schob die Dienstwaffe in das Holster, ließ es jedoch unverriegelt.
„Wer ist dieser Bradly Hurst? Ein Verehrer, den du nicht loswirst?“
„Schön wär’s.“ Cindy zitterte so sehr, dass Jamie sie vor sich her zum Bett schob. Sie zog eine Wolldecke herunter und legte sie ihr um die Schultern.
„Komm, wir gehen in die Küche und ich koche uns einen Kakao.“ Lieber wäre sie hinausgestürmt und hätte nach diesem Kerl Ausschau gehalten – aber was nutzte das, solange sie nicht wusste, wer er war und was er hier zu suchen hatte? Außerdem spürte sie, dass sie Cindy jetzt nicht allein lassen durfte. „Soll ich die Cops rufen?“
„Ich zeig ihn dir.“ Cindy griff nach ihrer Hand und zog sie zum Fenster. Sie öffnete einen Flügel. Kalte Luft strömte in das Zimmer, der Luftzug musste sich einen Weg durch den Jalousienkasten bahnen, denn die geschlossenen Lamellen zeigten keine Ritze. Ihr schauderte. Cindy drückte das Gesicht an die graue Plastikfläche und nach einer kurzen Weile seufzte sie. „Er ist weg.“
„Woher willst du das wissen? Was machst du da?“
Cindy trat einen Schritt zurück und wies auf ein kleines Loch in einer der Lamellen. Jamie besah es sich genauer. Das musste Cindy hineingebohrt haben. Sie bückte sich, verengte die Lider und schaute hindurch. Die Straßenseite gegenüber lag still und verlassen. Links vom Nachbarhaus befand sich ein Zugang zum Park. Sie überblickte einige Yards den geschotterten Weg bis zu der ersten Parkbank. Auch hier wirkte alles ruhig.
„Bis eben stand er noch unter einem Baum und hat auf mein Zimmerfenster gestarrt. Seit du weggefahren bist.“ Plötzlich brach Cindy zusammen.
Jamie schaffte es nicht, sie aufzufangen, kauerte sich aber sogleich neben ihre Schwester, die sich wie ein Embryo auf dem Boden zusammengerollt hatte.
„Es ist wie immer. Kaum mache ich jemanden auf ihn aufmerksam, ist er weg. Du wirst mir genauso wenig glauben wie alle anderen.“ Cindy weinte herzzerreißend.
„Maus. Du kannst mir doch vertrauen. Niemals würde ich zweifeln, wenn du mir etwas so Wichtiges erzählst.“
Etwas später saßen sie in der Küche und Jamie schob eine dampfende Tasse Kakao über den Küchentisch. Cindy weinte nicht mehr, aber ein Schluckauf quälte sie, sodass sie sich kaum in der Lage fand, zu sprechen. Es dauerte Minuten, bis sie langsam ihre Fassung zurückgewann. Währenddessen streichelte Jamie ihre Arme.
„Magst du mir jetzt alles erzählen?“
Cindy nickte. Ihre Augen glitzerten noch immer verdächtig. „Er … ich glaube, er ist ein Stalker.“
Jamie schnappte nach Luft und schluckte ein erstauntes „Was?“ hinunter. Es hätte sich angehört, als würde sie die Aussage in Zweifel stellen. Sie zwang sich zur Professionalität. Auf keinen Fall durfte sie Cindy verunsichern. Ganz so, als hätte sie eine Zeugin zu vernehmen, durfte sie keine Gefühle oder persönliche Ansichten in die Situation einfließen lassen. Mit Bedacht stellte sie die ersten Fragen und zog Block und Kugelschreiber aus der Uniformjacke. Das Leder knarzte leise. „Beschreib ihn mir.“
„Ich weiß nicht, ob ich das so richtig kann … er ist blond.“
„Wir werden das hinkriegen. Was für ein Blond? Nenn mir eine Person, die du kennst – vielleicht einen Schauspieler, dessen Haarfarbe seiner ähnelt.“
„Wie du.“
„Okay. Wie groß ist er?“
„Weiß nicht. Vielleicht sechs Fuß? So knapp einen Kopf größer als ich.“
Cindy war relativ klein, bei einer Kopflänge Größenunterschied konnte ihre Schätzung stimmen. Jamie stellte weitere Fragen zum Aussehen, bis Cindy nichts mehr einfiel. „Seit wann hat er sich draußen aufgehalten?“
„Gleich, nachdem du weg warst, hab ich alles dichtgemacht. Als ich rausblickte, stand er unter dem Baum.“
„Kommt das öfter vor?“
„Immer nur freitags. Mal sofort, nachdem du zur Schicht bist, mal mitten in der Nacht oder kurz bevor du nach Hause kommst.“
Ihr lag die Frage auf der Zunge, warum Cindy nicht die Cops gerufen hatte, aber sie ahnte die Antwort. Weil Jamie dort arbeitete, weil der Typ wahrscheinlich weg war, bis ihre Kollegen eintrafen, weil Cindy sich nicht lächerlich machen wollte.
„Und du bleibst die Nacht wach und linst aus deinem Guckloch?“
„Oft. Ich kann nicht schlafen, wenn ich weiß, dass er da draußen steht.“
Verständlich. Oh Mann, warum hatte Cindy nicht viel eher etwas gesagt? Kein Wunder, dass sie schwarze Schatten unter den Augen hatte und häufig nachmittags schlief.
„Woher weißt du seinen Namen?“
Cindy schnäuzte sich ausgiebig, bevor sie antwortete. „Ich bin ihm in der Stadt begegnet. Er kam aus dem Büro eines Hauses, an dem ein Schild mit dem Namen einer Anwaltskanzlei hängt. Hurst & Son. Danach habe ich im Telefonbuch gesucht und da steht Walter Hurst und Bradly Hurst mit der gleichen Anschrift wie das Büro.“
„Hm.“ Jamie notierte die Daten. „Könnte es sein, dass er ein Klient des Büros ist?“
„Nein.“ Cindys Gesicht nahm einen Ausdruck von Misstrauen an.
Gott, musste sie vorsichtig sein. Die Kleine war offenbar noch viel verletzlicher als sie vermutete. „Keine Bange, Maus. Ich will deine Aussage nicht infrage stellen, sondern nur die Fakten untermauern. Sie hob entschuldigend die Hände. „Einmal Cop, immer Cop.“ Wenigstens entlockte das ihrer Schwester ein winziges Verziehen der Mundwinkel. „Was macht dich so sicher, dass es der Junioranwalt ist?“
„Kurz bevor die Tür ins Schloss fiel, rief eine Frau nach ihm. Mr. Hurst, warten Sie bitte – ein dringender Anruf. Er ist wieder hineingegangen.“
„Okay. Und dieser Walter kann es nicht sein, dazu ist er zu jung.“
„Ja. Ich schätze Bradly Hurst auf Mitte dreißig – da kann er schlecht einen Sohn haben, der schon Anwalt ist.“
„Wo bist du ihm sonst noch begegnet?“
„Montags sitzt er in einem Bistro gegenüber der Schule. Er glotzt auf den Schulhof und beobachtet mich. Ich hab’s Rachel und Maya erzählt, aber immer, wenn ich ihn beschrieben habe und sie unauffällig hinsehen, ist er entweder weg oder anderweitig beschäftigt und beachtet mich nicht.“
„Montags?“
Cindy nickte heftig. „Mittwochs spielt er Tennis in dem Club neben unserem Sportplatz. Während meiner Stunde sitzt er auf der Tribüne und tut so, als beobachtet er ein Match seiner Tenniskumpel, aber ich weiß, er starrt mich unentwegt an. Nur mich.“
„Seit wann geht das so, Cindy?“ Jamie suchte ihren Blick, aber Cindy senkte rasch den Kopf. Wahrscheinlich wollte sie ihre erneuten Tränen verbergen, denn ihre Antwort klang erstickt.
„Ich … er … ich glaube, seit mehr als drei Jahren.“
Ein eisiger Schreck durchfuhr ihre Glieder und erneut schluckte sie ein heftiges „Was?“ hinunter. Wie konnte das sein?
Ohne dass sie in Cindy dringen musste, fuhr diese fort. „Sicher bin ich mir erst seit einem knappen Jahr. Da fing es an, dass es mir auffiel. Ich wollte es erst nicht wahrhaben und glaubte, das alles wäre Zufall. Aber irgendwann nicht mehr. Und dann dachte ich irgendwie, ich kenn den Typ.“
Jamie rieb sich den Bauch. Er schmerzte und sie fror, obwohl sie noch immer ihre Lederjacke trug und die Heizung auf die höchste Stufe gestellt hatte.
„Das erste Mal habe ich ihn vor über drei Jahren bei Starbucks gesehen. An meinem vierzehnten Geburtstag.“
„Du glaubst echt, schon da hat er dich verfolgt und beobachtet?“
Cindy zuckte mit den Schultern. Die giftgrüne Haarsträhne fiel vor ihre Augen. „Ich weiß, du denkst, ich spinne.“
„Ganz und gar nicht, Maus. Wir werden den Kerl jetzt das Fürchten lehren.“
„Wirklich?“
„Wirklich und wahrhaftig.“ Jamie hielt Cindy ihre erhobene Handfläche zum Einschlagen hin. Wenn sie sich doch bloß halb so sicher fühlen würde, wie sie vorgab.
Eine böse Vorahnung machte sich breit und ließ sie Galle auf der Zunge schmecken.


Sechs Monate später: Mittwoch, 6. Juli – in der Nähe von Denver

Dix saß mit geschlossenen Augen an einem Campingtisch im Zelt. Die Ellbogen hatte er auf die wackelige Platte gestützt und seinen Kopf in den Händen vergraben. Er wusste, die Zeit drängte. Ein Schweißtropfen von seiner Stirn landete auf dem Tisch und es hörte sich an, als klatschte ein dicker Haufen Walrossmist auf nackten Betonboden.
„Dixon, strengen Sie sich gefälligst an!“
Verdammt, was dachte sich dieser gestriegelte FBI-Korinthenkacker? Dass er mit den Hühnern der Farm in zwei Meilen Entfernung kommunizierte? Sackgesicht!
Sie befanden sich eine gute Fahrtstunde nordwestlich von Loveland in Colorado, inmitten der Bobcat Ridge Natural Area in über 6.500 Fuß Höhe. Zwischen dem Basiscamp und der Stadt lag das Nest Masonville und in den Wäldern zwischen dem Lager und dem Village waren von Wildhütern im vergangenen halben Jahr drei Mädchenleichen gefunden worden. Indizien führten in das Dorf. Den männlichen Bewohnern hatte man Speichelproben entnommen, und noch bevor die Laborergebnisse den Beweis erbrachten, dass die DNA eines 29-Jährigen in allen drei Fällen mit den Spuren an den Toten übereinstimmte, floh der Verdächtige in die Wälder. Auf dem Weg dorthin hatte er mutmaßlich eine junge Frau überwältigt, deren verlassenes Fahrzeug man aufgefunden hatte. Blutspuren ließen darauf schließen, dass es einen Kampf gegeben hatte und das Einsatzkommando hegte kaum noch Hoffnung, die Entführte lebend aus den Fängen des Serienkillers zu befreien. Man hatte ein weitflächiges Gebiet auf der Landkarte abgesteckt, das der Flüchtende im Zeitraum von drei Tagen hätte erreichen können. Die Fahnder des FBI wussten, dass der Killer per Funk mit einem Freund in Masonville in Verbindung stand. Dort verharrte ein weiteres Team, um den Mann unter Kontrolle zu halten und ihn notfalls zu hindern, Informationen über die Fahndung preiszugeben. Selbst wenn er es schaffte – für den Gesuchten würde es zu spät sein. Sobald ein Kontakt zustande kam, startete Dix’ Part. Er befand sich mittels seiner Gabe in der Lage, das sendende Funkgerät binnen Sekunden zu orten. Eine halbe Hundertschaft verbarg sich in den Wäldern und wartete darauf, dass der Mann sein Versteck verließ. Man vermutete ihn in einer Höhle. Die Einsatzkräfte würden nur Minuten benötigen, um zuzuschlagen.
Holy cow, manchmal hasste er seine Fähigkeit. Besonders dann, wenn ein Menschenleben davon abhing, dass er nicht versagte. Dann hätte er den verdammten Genforschern, die für seine Andersartigkeit Verantwortung trugen, am liebsten den Hintern bis zur Halskrause aufgerissen. Doch das war ein anderes Thema. Er musste sich konzentrieren, zur Hölle. Konzentrieren! Nach und nach schaltete er die Nebengeräusche aus. Zwar verhielt sich jeder der Männer im Zelt mucksmäuschenstill, aber sie gaben dennoch nervtötende Geräusche von sich. Selbst einen leisen Wind, der sich klammheimlich zwischen den Backen hervorschlich, hörte er, bevor andere ihn rochen. Wann immer er in diesen Zustand abtauchte, gerieten leise Atemgeräusche zu Orkanböen und mischten sich mit den Wellen, die er zu ordnen versuchte. Radio, Funk, Datenverkehr. Ein Teil seines Gehirns war sogar in der Lage, TV-Frequenzen in Bilder umzusetzen, als hätte man ihm die entsprechende Technik implantiert. Doch so verhielt es sich nicht. Eher verglich er seine Suche nach bestimmten Wellen mit einem Läusekamm, mit dem man eine verstrubbelte Mähne bearbeitete, bis das Haar seidig durch die engen Zinken strich und man Flöhe oder Nissen entdecken und herauspicken konnte.
Er versank tiefer in einer Art Trance. Langsam trennten sich die Schwingungen und Wellen und gerieten zu einer leisen Melodie, die niemand außer ihm verstand oder hörte, in jeglicher Form wahrnahm und erst recht nicht zu sondieren wusste.
Die wie perlendes Wasser vor sich hintröpfelnden Sekunden stellten seine Geduld auf eine harte Probe. Längst war ihm jegliches Zeitgefühl abhandengekommen. Es mussten Stunden sein. Hunger und Durst verirrten sich in den Tiefen seiner Eingeweide und jegliches menschliche Bedürfnis hatte hintenanzustehen. Ein Ruck durchfuhr seine Glieder, als es endlich so weit war. Zuerst rauschte es nur in seinem Schädel, kurz darauf verdichtete sich die Frequenz zu einer Stimme. Sie klang rauchig, nicht einmal unangenehm.
„Wild Fox an Dreamwulf, hörst du mich?“
Das Knacken schoss wie elektrische Impulse durch seine Muskeln. Dix unterdrückte die Kontraktionen und zwang seinen Körper zu absoluter Ruhe. Nichts um ihn herum behielt Bedeutung, drang zu ihm vor.
„Brauche zwei Paar Stiefel und Jacken, S und XL, hier oben herrscht nachts teils ein eisiger Wind. Kannst du die Klamotten an unseren Treffpunkt liefern?“
Es dauerte nur wenige Sekunden, da schoss die Antwort durch den Äther.
„Kein Prob, Alter. Heut Nacht, ’kay?“
„Roger. Over and out.“
„Nordwest, 332 Grad, Entfernung vier Meilen vom Camp“, sagte Dix. „Bewegt sich jetzt schnurgerade Richtung Osten.“
Er wollte sich bereits aus der Starre lösen, da rauschte es erneut und ein Funkspruch formte sich in seinem Kopf, ein lautes Gekreische: „Vorsicht, Wild Fox. Die Cops sind hinter …“ Krächzen, Rauschen. Und plötzlich hörte er glasklar einen Schuss. Danach kam nichts mehr. Er wartete zehn Sekunden, fünfzehn und tauchte dann schneller aus der Trance auf, als es seiner Gesundheit zuträglich war.
„Ich habe einen Schuss gehört. Waren das Ihre Leute?“ Dix suchte den Blick des Operationsleiters, der ungeduldig mit der Hand abwinkte und auf seine Armbanduhr starrte. Der FBI-Mann legte den Kopf schräg, um über den Empfänger in seinem Ohr den Funksprüchen der Einsatzkräfte zu lauschen. „Zugriff erfolgt in zwölf, elf, zehn Sekunden.“ Im Zelt herrschte Totenstille. Endlich kam der erlösende Ausruf: „Objekt überwältigt. Liegt am Boden.“
Los schon, Mann. Was ist mit der Frau?
„Opfer verletzt, aber lebend.“
Plötzlich brach Hektik in der Runde aus. Der Hubschrauberpilot sprang auf, gefolgt von drei Sanitätern und einem Notarzt. Im Laufschritt hasteten sie zu ihrem Helikopter.

Die letzte Flugverbindung am heutigen Tag zurück nach Los Angeles hatte Dix um wenige Minuten verpasst und daher spontan entschieden, dies als Wink des Schicksals zu sehen und seinen geplanten Urlaub von Balkonien nach Las Vegas zu verlegen. Gleich morgen früh ging der nächste Flug vom sechzig Meilen entfernten Denver.
Er riss sich die verschwitzten Klamotten vom Leib und ließ sie achtlos auf den staubfreien Boden des Hotelzimmers fallen. Das erstbeste freie Zimmer in Loveland, zumindest auf die Schnelle und speziell für Allergiker. Nicht, dass er das gebraucht hätte, er hatte lediglich keine Zeit mit einer weiteren Suche verschwenden wollen und sich nur nach einem Bad gesehnt. Außerdem trug die Mehrkosten schließlich das FBI.
Kaum war er nackt, klingelte das Handy. Das musste Max sein, sein Teamleiter.
Sorry, Old Daddy, dachte er, während er den Regler der Dusche auf vierzig Grad einstellte. Erst, wenn ich mich wieder wie ein Mensch fühle.
Er brauste ausgiebig und hielt das Gesicht abwechselnd in heißes und kaltes Wasser. Leise murmelte er ein Gebet. Wieder einmal konnte ein Menschenleben gerettet werden, doch es war bereits vorgekommen, dass er oder einer der anderen Jungs Verluste auf ihr Konto schreiben mussten. Dix dachte an den vorletzten Einsatz, bei dem ihre Unterstützung zu spät gekommen war. Max weitete ständig seine Connections aus, doch neben spärlichen Aufträgen von Privatleuten rief nur das FBI ihre Truppe bisher hin und wieder zu Hilfe. Für die Geiseln eines Bankräubers hatten sie nichts mehr tun können. Der Täter sprengte sich mit elf Gefangenen in die Luft, als er keinen Ausweg mehr aus seiner Lage sah. Zwei Kleinkinder befanden sich darunter. Dix und seine Be-gleiter trafen ein, als man gerade noch das Verhallen der Explosion hörte.
Der Inder Narsimha, den alle Simba nannten, und der dunkelhäutige ehemalige New Yorker Street Fighter John F., genannt Jay-Eff, hatten ihrer Wut in lautstarken Flüchen Ausdruck gegeben und ihre Beliebtheit bei den FBI-Fritzen nicht gerade untermauert. Der knallharte Muskelmann Jay-Eff ähnelte dem ermordeten Präsidenten zwar nicht vom Aussehen her, aber einer ihrer Truppe hatte behauptet, seine Stimme würde sich wie die von Kennedy anhören. Niemand außer dem Boss kannte Jay-Effs wahren Namen oder wusste Näheres über seine Herkunft und daher hatten sie ihn mit einer Flasche Budweiser kurzerhand selbst getauft.
Dix ließ sich kaltes Wasser über das Gesicht und in den Mund laufen. Angewidert spuckte er es wieder aus. Es schmeckte ekelhaft nach Chlor und anderen Chemikalien. Er stellte die Brause ab und griff nach einem Handtuch. Vorfreude kribbelte in seinen Lenden nach den kargen Tagen im Camp und dank der Aussicht auf den ersten richtigen Urlaub seines Lebens. Gutes Essen, Frauen, Spiel und Spaß. Gleichwohl dachte er unentwegt an seine Teamkollegen. Er vermisste sie schon jetzt.
Ihre Gruppe von derzeit acht Mann einschließlich Max, des Bosses, war vor einem Jahr entstanden und im Laufe der Monate auf diese Stärke angewachsen. Die meisten von ihnen hielten sich in Bezug auf ihre Vergangenheit bedeckt – doch eines war ihnen gemeinsam und sie wussten es: Sie waren die Enkel längst verstorbener Paare, an denen Forscher während des Zweiten Weltkriegs im Auftrag der Regierung Genexperimente vorgenommen hatten. Dazu hatte man Frauen und Männer der unterschiedlichsten ethnischen Volksgruppen aus aller Welt entführt und sie in geheimen Laboren menschenverachtenden Versuchen ausgesetzt. Kurz vor Kriegsende ließ man sie plötzlich frei und karrte sie in ihre Heimatorte zurück. Niemand wusste, wer genau dahintersteckte und woher dieser plötzliche Sinneswandel rührte. Max Diaz war eine Generation älter als die anderen aus dem Team und als Sohn direkt Betroffener derjenige, der anfing, auf Spurensuche zu gehen. Der Einzige unter ihnen, der keine außergewöhnlichen Fähigkeiten besaß. Allerdings hatte er eine Tochter, die über eine durch genetische Abweichung bedingte Gabe verfügte und daran zugrunde gegangen war. Nach ihrem Tod stellte Max Nachforschungen an. Ein Freund, ein Regierungsangestellter, über den er sich nicht weiter ausließ, hatte ihm eine Kopie mit den Namen der von den Experimenten betroffenen Frauen und Männer zukommen lassen. Sie waren samt und sonders tot, doch Max hatte ihre Kindeskinder in aller Welt aufgetrieben und Mann für Mann zusammengebracht. Sämtliche genetischen Auswirkungen der Experimente traten erst in der zweiten Generation nach den Probanden auf.
Das Telefon klingelte schon wieder.
„Ungeduld ist eine schlechte Tugend. Was Mäxchen nicht lernt, lernt Max nimmermehr“, flötete er in das Gerät und erntete ein abfälliges Schnauben.
„Wie ist es gelaufen?“
„Täter gefasst, Opfer geborgen.“
„Verluste?“
„Keine.“
„Das ist gut. Komm nach Hause, Junge.“
„Ich hab spontan umgeplant. Ich will morgen nach Vegas jetten und …“
„Nichts da. Eine wichtige Reise steht an.“
„Ich dachte, ich hab ne Woche Urlaub?“
„Gestrichen.“
Dix schluckte einen Fluch. „Warum?“
„Nicht am Telefon.“
Wenn er geglaubt hatte, einige Tage entspannen zu können, ein paar heiße Weiber aufzureißen und beim Pokern seine Kasse aufzubessern, sah er sich elendig getäuscht. „Gut. Bin schon auf dem Weg.“
„Ich lass dir die nächsten Flugdaten von Denver per SMS senden.“
Dix legte auf. Wasser tropfte auf seine Schultern, doch es brachte im Luftzug der gerade erst eingeschalteten Klimaanlage angenehme Kühle. Er ließ sich nackt auf das Bett fallen und schloss die Augen. Mann, allein bei dem Gedanken, was ihm nun alles entging, bekam er einen hoch. Er hatte die Auszeit eigentlich mehr als verdient und bitter nötig. Wie lange hatte er keine Frau mehr gehabt? Ein Jahr? Verdammt! Immer musste man alles selbst erledigen. Den nächsten Job würde er Max knallhart um die Ohren hauen und sich weigern.
Das Handy signalisierte den Eingang der Kurznachricht.
Tja, würde er tatsächlich Nein sagen? Wahrscheinlich eher nicht. Jahrelang hatte er darunter gelitten, dass er keine Familie besaß und während seiner Kindheit von Waisenhaus zu Waisenhaus wandern musste. Jetzt besaß er endlich ein Zuhause: die G.E.N. Bloods, was halbwegs spöttisch für Genetic Extraordinary New Bloods stand. Genetisch außergewöhnlicher Nachwuchs. Klang toll, nur schützte ihn das nicht vor den Problemen normaler Menschen.
Nein. Er würde seine Brüder nicht im Stich lassen und Max, der wie ein Vater für sie alle war, keinesfalls enttäuschen. Er klappte das Telefon auf und las die SMS.
08:10 DEN – 10:40 LAX, Ticket gebucht, am United Schalter abholen.
Typisch Max. Schneller, als die Cops erlaubten.
Nun gut, er hatte wenigstens den Rest der Nacht. An Schlaf war nicht mehr zu denken – spätestens gegen fünf musste er sich mit einem Taxi auf den Weg zum Airport machen und der verfluchte Wecker zeigte bereits weit nach Mitternacht.
Dix zog sich an, stellte seine gepackte Reisetasche bereit und schlenderte in die Hotelbar. Sie war noch gut besucht und bereits nach wenigen Sekunden, in denen er die Gäste musterte, blieb seine Aufmerksamkeit an einer drallen Rothaarigen hängen, die augenscheinlich allein und schon leicht angesäuselt auf einem Barhocker saß, ihn mit großen Augen musterte und sich lasziv über die vollen Lippen leckte.
Na, das nannte er doch eine Einladung …


Mittwoch, 6. Juli, Flughafen Denver

Megan und Kristy anstelle von Jamie und Cindy. Daran musste Megan sich noch immer gewöhnen. Überall registrierte sie merkwürdige Blicke. In ihre Zunge schien ein Knoten gewunden zu sein, wenn sie sich irgendjemandem als Megan Hannson vorstellte. Jedes Mal glaubte sie, ihr Gegenüber würde darauf warten, dass sie den Irrtum bekannte und sich korrigierte, dabei lautete so jetzt ihr nachweislicher Name. Dank eines Freundes beim Zeugenschutz war es ihr gelungen, zwei vollkommen neue Identitäten zu schaffen. Nicht ohne Mühe und auf verschlungenen Wegen, dafür letztlich mit neuen ID-Cards, Führerscheinen, Sozialversicherungsnummern, Geburtsurkunden. Einfach allem, was dazugehörte, sogar einer Krankengeschichte. Megan Hannson und Kristin Schwarz. Offiziell waren sie nicht einmal mehr Schwestern – ihre Lebensläufe hatten nichts miteinander gemein. Eine Amerikanerin und eine junge deutsche Studentin, der sie in Kürze ein Zimmer untervermieten würde. Nur drei Dinge fehlten, um die neue Existenz zu vervollkommnen: ein Job, ein Haus, ein Ehemann. Nur!
Gott, beinahe wäre ihr ein hysterisches Lachen aus der Kehle geschossen.
Megan erwiderte den forschenden Blick des Sicherheitsbeamten. Starrte er nicht eine Sekunde zu lang auf ihr Ticket? Bemerkte er ihre Erleichterung, als er es zurückreichte? Sie beeilte sich, dem Strom der anderen Passagiere zu folgen und atmete auf, weil das Boarding bereits begonnen hatte und sie sofort in den wartenden Bus einsteigen konnte. Eine Abgaswolke, die den Geruch nach Diesel mit sich trug, mischte sich mit der aufsteigenden Hitze des glühenden Asphalts. Megan hielt kurzzeitig die Luft an und schlängelte sich durch den Gang, bis sie an einer Stange Platz zum Festhalten fand. Sekunden später schlossen sich die Türen mit einem Zischen.
Eine Frau stolperte und fiel gegen sie, entschuldigte sich und richtete sich wieder auf. Megan setzte ein unverbindliches Lächeln auf und senkte den Blick, während sie die Mitreisende in die richtige Schublade einordnete. Zu gern hätte diese ein Gespräch begonnen, wahrscheinlich in schillernden Farben von ihren Urlaubsplänen gesprochen. Fliegen Sie auch nach L. A.? Was für eine Frage. Die Maschine würde nicht an drei Dutzend Haltestellen stoppen, aber natürlich könnte es sein, dass L. A. nur eine Zwischenstation darstellte. Besuchen Sie Kalifornien zum ersten Mal? Wissen Sie, meine Kinder predigen mir seit Jahren, ich solle das Leben nutzen, um zu reisen. Seit ich Witwe geworden bin. Mein Mann – ach, was rede ich. Das alles interessiert Sie bestimmt gar nicht. Welche Sitzplatznummer haben Sie? Vielleicht will es das Schicksal, dass wir uns im Flieger weiter unterhalten können … Im Augenwinkel bemerkte Megan, wie sich eine Hand auf den Hintern der Frau schob. Jung sah sie aus, gebräunt und gepflegt. Megans Blick glitt über den schlichten goldenen Ring am Finger und weiter den Arm hinauf. Sie registrierte einen kräftigen Bizeps unter den Ärmeln eines eng anliegenden T-Shirts und ein jungenhaftes Lächeln, als sie in ein Gesicht mit winzigen Fältchen um die Mundwinkel und einem Dreitagebart schaute. Elende Närrin! Nicht einmal ihre Menschenkenntnis wollte noch funktionieren. Dazu besaß die Frau, was Megan noch suchte: einen tageslichttauglichen Kerl, der Ausstrahlung besaß und in sie vernarrt schien. Der Mann, den sie sich wünschte, sollte zudem möglichst vermögend sein, jung, dynamisch, sexy, charmant, intelligent … Sie wandte sich ab. Der Typ musste sicher zehn Jahre jünger sein als seine Angetraute, an deren Finger sie nun einen gleich aussehenden Goldring ausmachte. Ob es noch einen Mann gab, der ihrem Beuteschema entsprach und nicht unter der Haube saß? Mit ihren dreißig Jahren war sie spät dran, um auf Männerfang zu gehen. Sie würde wahrscheinlich nur noch zwischen Bodensatz und Gebrauchtware wählen können. Geschiedene Yuppies, Fremdgänger, von gehörnten Gattinnen zum Teufel gejagt oder halbglatzige Junggesellen, denen bereits Bäuche wuchsen, weil sie zu viel Fast Food in sich hineinstopften. Oder Alkohol. Und was war mit ihr? Blätterte nicht auch schon hier und da der erste Lack?
Im Flieger lehnte sie den Kopf an die Rückenlehne und blickte durch das Fenster der Boeing auf die Rollbahn. Zum ersten Mal seit dem Morgen, an dem Kristy ihr von dem Stalker Bradly Hurst erzählt hatte, gelang ihr ein leises Durchatmen. In dem Privatsanatorium unweit von Denver, dafür über tausend Meilen entfernt ihres Heimatortes, befand sich Cindy für eine Weile in Sicherheit. Kristy, verflixt. Sie musste sich angewöhnen, auch in Gedanken ausschließlich die neuen Namen zu verwenden, wollte sie nicht riskieren, dass ihr eines Tages ein dummer Fauxpas passierte.
Nur für kurze Zeit, hatte sie ihrer kleinen Schwester beim Abschied zugeflüstert und die Bitte an die Bedienstete, die noch wie ein Echo in ihrem Kopf tobte, stimmte sinngemäß überein mit dem Versprechen, das sie vor sechs Jahren am Grab ihrer Eltern gegeben hatte. Ich werde auf Cindy aufpassen.
Ein Schauder lief über ihre Haut. Dieser Aufgabe, von der sie immer angenommen hatte, dass sie ein Kinderspiel wäre und meisterhaft von ihr beherrscht, war sie nicht verantwortungsbewusst nachgekommen. Schlimmer, sie hatte kläglich versagt. Warum nur hatte Kristy sich ihr nicht früher anvertraut? Unglaublich, dass dieser Hurst sie bereits seit mehr als drei Jahren verfolgte. Unmöglich, dass die Staatsmacht untätig zusah, wie dieser Kerl die Seele ihrer Schwester zerstörte. Unverantwortlich, dass sie selbst Kristys Not in all der Zeit nicht erkannt hatte. Empörung schnürte ihr die Kehle zu. Sie schloss die Augen. Nicht einmal eine Einstweilige Verfügung hatte Erfolg gebracht. Der Kerl hielt sich an die Auflage, sich ihrer Schwester nicht weiter als zwanzig Yards zu nähern. Und exakt dort tauchte er auf und starrte Kristy unentwegt an. Zwanzig Yards entfernt des Schulhofs, zwanzig Yards vom Sportplatz, zwanzig Yards vom Wohnhaus. Bradly Hurst ließ ihr am Ende keinen Raum mehr zum Atmen, obwohl er nie etwas anderes tat, als Kristy mit Blicken zu verfolgen.
Was erwarten Sie, das wir tun sollen?, hatte der Richter Megan angefahren, als sie ihn im Gericht aufsuchte. Wir haben Mordfälle zu klären, Vergewaltigungen, Kindesmisshandlungen. Mr. Hurst ist ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft und ein erfolgreicher Jurist. Wenn er erklärt, dass die Begegnungen mit …, er hatte umständlich in seiner Akte geblättert, Cindy … rein zufällig zustande kamen, was sollen wir dann tun? Gott, er hatte nicht mal ihren Namen gewusst, dieser aufgeblasene Lackaffe. Es hatte ihn auch nicht interessiert, dass sie Daten lieferte – Beweise, wann und wo Bradly Hurst sich in der Nähe ihrer Schwester aufhielt. Die Regelmäßigkeiten seines Auftauchens, die Nächte vor dem Wohnhaus. Sie haben dem Mann genug Schaden zugefügt durch Ihren Antrag auf Erteilung einer Einstweiligen Verfügung. Nur gut, dass sein Ruf keinen Kratzer abbekommen hat, weil man weiß, dass Mr. Hurst über jeden Verdacht erhaben ist. Hat er Ihre Schwester jemals bedrängt? Sie beschimpft, mit Anrufen belästigt, ihr gedroht? Hat er sie überhaupt jemals angesprochen? Nein? Sehen Sie. Wir können uns hier nicht mit den Fantasien junger Mädchen auseinandersetzen. Ich muss Sie bitten, jetzt zu gehen.
Sie wäre dem Kerl am liebsten an die Gurgel gesprungen, doch stattdessen biss sie die Zähne zusammen, dass sie das Knirschen jetzt noch spürte. Nein, sie knirschte schon wieder mit den Zähnen. Ihr Sitznachbar sprach sie an.
„Alles okay, Lady?“
Sie nickte und drehte den Kopf zum Fenster. Wie meist musste erst etwas passieren, ehe sich der schwerfällige Leib des Big-Easy Polizeiapparates in Bewegung setzte. So weit würde sie es niemals kommen lassen. Es war schlimm genug, dass Kristys Psyche am Boden zerstört lag, doch wen außer sie interessierte das? Für den Arm des Gesetzes zählte nur körperliche Unversehrtheit – und eine physische Verletzung hatte Hurst Kristy nicht zugefügt. Während sie so tat, als studierte sie das Wolkenmeer, schielte sie auf ihre Armbanduhr. Noch zwei Stunden bis zur Landung in L. A. Mit einem Mietwagen würde sie sich sofort auf den Weg nach Santa Monica machen und am frühen Nachmittag mehrere Hausbesichtigungstermine wahrnehmen. Wenn alles gut lief, konnte sie bereits am Abend im Hotel auf Bräutigamschau gehen.

Megan erwachte von einem Rucken. Ein fremder Geruch lag süß und verlockend in ihrer Nase und sie brauchte Sekunden, um zwei Erkenntnisse zu erlangen. Das Flugzeug hatte gerade auf der Landebahn aufgesetzt. Das traf sich gut, denn so konnte sie der peinlichen Situation von Erkenntnis Nummer zwei entfliehen, dass ihr Kopf an der Schulter des Hünen zu ihrer Rechten gelehnt lag. Sie brachte sich in eine aufrechte Position und murmelte eine unverständliche Entschuldigung. Das unverschämte Grinsen nahm sie selbst im Augenwinkel wahr. Okay, okay, Typen wie ihn würde sie gleich von ihrer Liste potenzieller Heiratskandidaten streichen. Macho! Beinahe hätte sie die abfällige Bemerkung laut ausgesprochen. Sie litt eindeutig an der Polizistinnenkrankheit. Männer, die ihr im Job keinen Respekt entgegenbrachten, kannte sie zur Genüge. Das hatte die unangenehme Folge, dass sie auch im Privatleben allergisch reagierte, wenn ein Mann sie von oben herab behandelte oder sich über sie lustig machte. Sie verstand in dieser Hinsicht nicht das geringste Quäntchen Spaß. Oh Gott, und sie wollte künftig schon wieder in einem Männerjob arbeiten … hoffentlich würde das gut gehen.
Die Maschine erreichte die Parkposition und stoppte mit einem leichten Ruck. Zahlreiche Passagiere hatten sich bereits von ihren Plätzen erhoben. Das Klappern der Gepäckfächer, Rascheln und buntes Stimmengewirr lenkten Megan ab, bis der Sitznachbar ihr an die Schulter tippte. Sie schrak zusammen und sah sich gezwungen, ihm ins Gesicht zu blicken, was sie bislang zu verhindern gewusst hatte.
Augenblicklich musste sie zugeben, dass er umwerfend aussah. Wahrscheinlich ein Weiberheld, wie er im Buche stand. Einer, der stets nur mit den Fingern zu schnippen brauchte, um zehn Models an jedem kleben zu haben, die sich nur zu gern auf einen Drink und mehr einladen lassen würden.
„Ist das Ihrer?“ Er wedelte mit ihrem kleinen Rucksack.
Megan nickte. Himmelblaue Augen mit einem faszinierenden Stich ins Lila blickten sie mit einem Glitzern in den Pupillen an. Sie strahlten aus einem markant-männlichen Gesicht mit schmaler Nase, scharf gezeichneten Wangenknochen, umrahmt von braunem, nach hinten gekämmtem Haar. Für eine Sekunde verlor ihr Herzschlag seinen Rhythmus, dann zwang sie sich zur Disziplin.
„Ja.“ Sie nahm ihr Gepäckstück entgegen und senkte den Blick. Allmählich geriet das zur Gewohnheit und sie hätte es auch besser sein gelassen. Jetzt starrte sie auf seine schmalen Hüften und das, was sich überdeutlich und groß unter der Jeans im Schritt abzeichnete. Ihr Hals trocknete binnen eines Atemzugs und zwang sie zum Schlucken. Pah! Typen wie dieser stopften sich wahrscheinlich ein Paar zusammengerollte Socken in den Schritt. Nie und nimmer konnte die Beule echt sein … es sei denn, dieser Kerl hatte gerade fast einen …! Ähm … hatte er?
Sie blickte den Gang hinauf und hinunter. Wenigstens fiel es nicht auf, dass sie nach den halb nackten Girlies suchte, die für seinen Zustand verantwortlich zeichnen mussten. Die Passagiere in ihrem Blickfeld entpuppten sich zu ihrem Erstaunen jedoch meist als älteren Semesters und durchaus nicht aufreizend gekleidet.
Bei der erstbesten Gelegenheit schlüpfte sie an ihm vorbei, tunlichst darauf bedacht, ihn nicht zu berühren. Ein unmögliches Unterfangen bei der Enge. Sie glaubte, fast keine Luft mehr zu bekommen, als ihre Brust seinen Oberkörper berührte und ihr Unterleib auch noch an seinen Lenden entlangstreifte. Holla, weiteratmen. Sexuelle Gelüste waren das Letzte, das ihr fehlte und wonach ihr der Sinn stand. Das Aussteigen aus der Kabine glich einer Flucht. So schnell ihre Gummibeine sie tragen wollten, eilte sie zur Gepäckausgabe und wertete es als gutes Zeichen, dass das Band bereits rollte und sie nach einem kurzen Blick ihren Koffer als Anführer einer Kolonne von Reisetaschen entdeckte. Sie schulterte den Rucksack und zog den Samsonite auf Rollen hinter sich her.
Alles lief wie am Schnürchen. Sie fand auf Anhieb den Schalter der Leihwagenfirma und hatte dazu das Glück, dass nur zwei Leute vor ihr anstanden. Peinlich stach allein hervor, dass sie den jungen Mann, während er Daten im Computer aufrief, wie einen Salatkopf beim Einkauf musterte, um welke Stellen und Ungeziefer an der Blattunterseite auszuschließen. Als wäre der Milchbubi auch nur im Entferntesten ein Heiratskandidat. Andererseits … sie sollte ihre Vorstellungen von einem Traummann besser tief und unwiederbringlich vergraben. Sie brauchte einen Ehemann, um ihrer neuen Existenz eine Grundlage zu geben und nicht, damit das Sehnen in ihrem Inneren Erfüllung fand.
Dieser Hurst würde keine Ruhe geben, er würde auf Biegen und Brechen versuchen, Kristy ausfindig zu machen. Ich werde niemals von ihr ablassen, da kannst du Gift drauf nehmen! Wer weiß, wo Hurst als Anwalt seine dreckigen Finger im Spiel hatte, über welche lausigen Kontakte er verfügte oder welche Möglichkeiten er besaß, per Computer Informationen über landesweite Führerscheinregistrierungen oder Kreditkartenverfolgung zu erlangen. Während sie sich vergeblich darum bemüht hatte, ihm Einhalt zu gebieten, hatte sie einiges über ihn herausgefunden, unter anderem, dass er dubiosen Figuren regelmäßig aus der Patsche half und seine Beziehungen so weit nach oben reichten wie nach unten. In jeder Klasse genoss er einen ausgezeichneten Ruf. Klar, niemand wollte es sich mit jemandem verderben, der einem wertvolle Dienste leistete.