Tal des Todes – Atacamawüste, Chile, Gegenwart

Manchmal, in seltenen und besonderen Momenten, gestattete Nevaeh Morrison sich Fantasien. Nicht zu verwechseln mit Träumereien, und das Wort T…m hatte sie ohnehin komplett aus ihrem Wortschatz gestrichen.
In wenigen Minuten erwartete sie den Jogger, der seit Aufbau des Camps vor einer Woche jeden Morgen kurz nach Sonnenaufgang an ihr vorbeilief. Nur ein paar Dutzend Yard entfernt. Die Luft war noch voller Frische von der Nacht. So wie er.
Perfekt geformte Muskeln tanzten unter gebräunter Haut im Rhyth-mus seiner Schritte. Er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Panthers, und ebenso schwarz glänzte sein Haar im Sonnenlicht. Im Nacken wippte ein Zopf, mit dem er seine Mähne bändigte. Er musste ein Hüne sein, wenn sie berücksichtigte, bis zu welcher Höhe der Sedimentschichten in der Felswand sein Kopf aufragte. Sie lächelte. Gleich heute Nachmittag würde sie sich unauffällig davonstehlen, um Gesteinsproben zu nehmen und abzumessen, wie groß er tatsächlich sein mochte. Sie glaubte, dass er sie um fast eine Kopflänge überragen musste, obgleich sie größer war als der Durchschnitt der Kalifornierinnen. Ein Zweimetermann wie aus dem Bilderbuch. Wenn das kein Anlass für Fantasien war.
Nevaeh zog sich den Strohhut tiefer in die Stirn. Beachtete er sie heute wieder? Warf er ihr einen neugierigen Blick zu, um sich seinerseits zu vergewissern, dass sie seinen Lauf verfolgte? Gestern hatte sie sich heftig verschluckt, als er ihr zuwinkte – und das, obwohl sie die felsenfeste Überzeugung vertrat, dass sie ihn nicht neugierig und schon gar nicht offensichtlich gemustert hatte.
Höchstens von hinten.
Gott, ein herrliches Gefühl. Wie in Teenager-Tagen.
Zu gern hätte sie gewusst, woher der Mann kam. Der Standort ihrer Expedition lag meilenweit von der nächsten Ansiedlung in der Atacamawüste entfernt. Sie vermutete einen Abenteurer im Campingurlaub. Andererseits wirkte er wie ein Urgestein der Wüste, als gäbe es keinen anderen Platz auf der Welt, wohin er gehörte. Er fügte sich vollkommen natürlich in die Landschaft ein.
Nevaeh linste auf ihre Armbanduhr. Drei Minuten über der Zeit. „Keine Fitness heute, Baby?“ Wie gut, dass ihr Zelt weit genug von den anderen Expeditionsteilnehmern entfernt auf einem kleinen Plateau stand und niemand sie hörte. Und Dad sowie zwei weitere Wissenschaftler waren bereits vor Sonnenaufgang zu der Grabungsstätte aufgebrochen, um Absteckungen vorzunehmen.
Immer wieder schirmte Nevaeh die Augen ab und ließ den Blick umherschweifen. Eine halbe Stunde später gab sie die Hoffnung auf, dass ihr Jogger noch auftauchen würde. Ihre Laune sank. Wie gern hätte sie sich auch heute die Zeit gegönnt, sich an eine Felswand gelehnt mit geschlossenen Augen ihrer Fantasie hinzugeben. Bis die Sonne den Flecken Schatten eroberte und sie zu ihrer Staffelei und ihrer Arbeit flüchten ließ. Jetzt nahm sie diese nur missmutig auf.

Als die Mittagsglut unerträglich wurde, war die Sehnsucht nach dem Jogger längst der Besorgnis um ihren Vater gewichen. Er hatte verspro-chen, weit vor dem Essen zurück zu sein. Mittlerweile krochen nicht nur die Stunden, sondern selbst die Minuten dahin und immer häufiger betrachtete Nevaeh den Sonnenstand, dabei war es lächerlich. Genauso gut hätte sie auf die Uhr schauen können. Verflixt! Dad müsste schon lange zurück sein. Unruhe rumorte in ihrem Magen.
Wie viel sorgenfreier hätte sie es haben können, hätte sie auf Dad ge-hört und wäre in Los Angeles geblieben. Dort hätte sie nicht vergeblich der albernen Versuchung widerstehen müssen, einen unschuldigen Bleistift wie einen Dartpfeil in den Sand zu schmettern. Nun erhob sich ein knochiger Finger einem Omen gleich in schnurgerader Drohgebärde aus seinem Grab und zwang sie, gegen lästigen Aberglauben anzukämpfen.
Zum wiederholten Mal richtete sie das Augenmerk von der Anhöhe über die kleine Zeltstadt hinweg auf den Horizont, suchte nach dem Geländewagen ihres Vaters und fand nichts als bizarre, gleichmütig in den Himmel wachsende Felsformationen, die ihrer Besorgnis zu spotten schienen.
Sie trat dichter an das mannshohe Zelt heran. Es spendete nur unzu-reichenden Schatten. Die kupferrote Sandwüste kochte, die Atmosphäre flirrte. Nevaeh hob ihr Haar im Nacken an und wünschte, jemand würde Schneeflocken auf ihren Hals pusten, doch keine kühle Brise mochte die Luft durchschneiden. Mensch und Tier hielten wie der Wind den Atem an, bemüht, sämtliche überflüssigen Anstrengungen zu vermeiden. Allein die Stimme des Interpreten, die aus dem batteriebetriebenen Radio rieselte, ließ die Hitze beneidenswert unbeeindruckt.
Beinahe nebensächlich blickte sie diesmal auf ihre Armbanduhr und schluckte umso härter den Drang hinunter, bereits jetzt Alarm zu schlagen. Der Schweiß juckte unter dem Lederarmband. Nevaeh nahm es ab und legte es auf den Felsen. Wie oft hatte sie erlebt, dass Expeditionsmitglieder sich verspäteten, weil Unvorhergesehenes ihr Interesse weckte und sie darüber die Zeit vergaßen. Es entsprach dem Alltag, und Dad und seine beiden Begleiter stellten keineswegs eine Ausnahme dar. Indessen verankerte sich nichtsdestotrotz dieses Klümpchen tiefster Unruhe wie eine Zecke in ihrem Magen.
„¡Vete al Carajo!“, durchbrach ein wütender Ausruf Nevaehs Ange-spanntheit.
Ihr entschlüpfte ein unfreiwilliges Lächeln. Auch ohne Spanisch-kenntnisse hätte sie den Fluch verstanden. Das Geplänkel gehörte zu einem der kauzigen Rituale zwischen Pedro, dem Koch des Teams und einem Küchenjungen. Der eine schickte den anderen zur Wasserstelle, der Gehörnte, der bei sengender Glut diesen Weg erledigen musste, seinen Befehlsgeber zum Teufel.
Nevaeh legte die Zeichenutensilien beiseite und verstaute die Unterlagen in einem Stahlkoffer im Zelt. Sie konnte die Geländekarte mit den genauen Koordinaten ihrer Grabung und den Abmessungen des Befundes nicht fertigstellen. Ihr fehlten zu viele Informationen. Sie fragte sich, ob Dad, statt nur die Absteckungen am Grabungsort vorzunehmen, in den Schacht vorgedrungen sei, unter dem sie die Grabkammer erwarteten. Vielleicht kroch er den noch ungesicherten Tunnel entlang und buddelte mit bloßen Händen nach einem Höhleneingang. Sie sah ihn mit wund gescheuerten Fingern vor sich.
Unsinn. Allein ihr gemeinsames Survival- und Notfalltraining, das sie alle zwei Jahre absolvierten, verbot das Eingehen derartiger Risiken. Und so verrückt war Dad auch nicht, obgleich er aufgeregter und ruhe-loser schien als jemals zuvor. Sie beruhigte sich damit, dass diese Aus-grabung sein letztes großes Abenteuer sein würde, ehe das Alter ihn in den Ruhestand zwang. Mit zweiundsiebzig war das längst überfällig – und sie würde garantiert vor ihm zum Pflegefall werden, wenn sie sich ständig um ihn sorgte. Natürlich, sie war eine Glucke, doch so hartnä-ckig rumorte die Nervosität sonst nie in ihr.
Etwas war unnormal. Es brodelte in einer verschlossenen Schublade ihrer Gedankenwelt und trachtete fieberhaft danach, sie zu bewegen, den Schlüssel umzudrehen. Drohendes Unheil abzuwehren. Nevaeh schüttelte den Kopf und verdrängte den Impuls. An ihre verfluchte Gabe wollte sie nicht erinnert werden, schon gar nicht sich damit auseinandersetzen.
Der ausgetrampelte Pfad hinab zum Küchenzelt verlief abschüssig und sandig zwischen klobigem Felsgestein, gespickt mit scharfkantigem Geröll. Sie kickte einen Stein über eine Felskante. Die Besorgnis lag ihr jetzt schwerer im Magen als dieser Brocken. Dennoch mochte sie Pedro nicht enttäuschen, indem sie sich nicht wie jeden Tag in das Küchenzelt und an die Töpfe heranschlich. Es mussten ja nicht alle gleich am Rad drehen. Sie schlug die Plane beiseite und ein weitaus heftigerer Schwall Hitze als im Freien traf sie. Wie es der braun gebrannte Chilene hier aushielt, gab ihr erneut ein Rätsel auf. Hinter dem Rücken des schmalen Mannes in karierter Hose und weißer Leinenjacke folgte sie dem verlockenden Geruch des Essens. Der Koch liebte dieses Spielchen und niemandem außer ihr ließ er durchgehen, dass er vor dem Essen in die Töpfe sah. Diesmal kam sie nur bis auf zwei Schritte an die dampfenden Kessel heran. Draußen brandete jäh Unruhe auf.
Motorengeräusche schwollen an, die einheimischen Helfer riefen sich aufgeregt Sätze zu, die sie nicht verstand. Die Atacameños redeten zu schnell und nuschelten zudem in tiefstem Dialekt. Mit einem Schulter-zucken bedeutete sie dem enttäuschten Küchenchef ihr Bedauern und hastete zum Zeltausgang zurück.
Das wurde wirklich Zeit. Dad sollte sich künftig besser an Absprachen und Zeitpläne halten. Mit der flachen Hand schirmte sie die Augen gegen das grelle Licht ab und presste ein Taschentuch vor Mund und Nase, um von Staub und Abgasen keinen Hustenanfall zu bekommen.
Nur wenige Yards vor ihr kamen drei Militärjeeps zum Stehen. Uni-formierte Kerle sprangen heraus, Maschinenpistolen im Anschlag. Ihr Instinkt riet zur Flucht, aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Ein Hüne schob seine langen Beine einer Faltschachtel gleich aus dem vor-deren Wagen. Auch er trug eine Militäruniform. Abzeichen zeugten von einem weit höheren Rang als dem der anderen Soldaten. Bis auf einen Pistolengurt um die Hüften schien der Koloss unbewaffnet, die Luft um ihn herum vibrierte allerdings, als umgäbe ihn die elektrisch aufgeladene Sphäre eines Kampfroboters. Zielstrebig stampfte er auf sie zu und verharrte wenige Inches vor ihr. Wenngleich sie nicht klein war, musste sie den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Es kostete eine gehörige Portion Kraft, vor diesem Klotz zumindest den Anschein von Selbstbeherrschung und Furchtlosigkeit zu bewahren. Knoblauchdunst, gemischt mit saurer Milch und dem Gestank nach Lamamist schlug ihr entgegen. Nicht nur der scheußliche Mief, auch eine Welle Antipathie ließ sie den Atem anhalten, bis ihre Lungen brannten und sie zum Luftholen zwangen.
Ihr Gegenüber musterte sie ungeniert vom Scheitel bis zu den Zehen-spitzen und verlor kein Wort. Sie kam sich vor wie in einem Kernspin-tomografen, als durchleuchtete der Typ ihr Innerstes mit seinen stahl-grauen Augen, in denen nicht der Funke einer freundlichen Gefühlsre-gung lag. Als das Schweigen unangenehm zu werden drohte, räusperte sie sich und fragte auf Spanisch:
„Was führt Sie hierher, Major?“ Sie hoffte, dass die Anrede angemes-sen war, hatte sie doch keine Ahnung vom chilenischen Heer und des-sen Dienstgraden. Vielleicht hätte sie besser General sagen sollen. Generalmajor? Sie war ratlos und wollte nicht fortwährend von diesem rüden Blick in eine mittlerweile peinliche Stille festgefroren werden.
„Coronel Varela. Ich nehme an, Sie sind Ms. Nevaeh Morrison?“, antwortete er und missachtete ihre höfliche Geste der Anwendung der Landessprache. Er schürzte den Mund zu einem verächtlichen Kräuseln.
Sein Englisch war wie Pistolenschüsse, allerdings glasklar und dialektfrei über die blassen Lippen geschossen. Sogar ihren außergewöhnlichen Vornamen sprach er korrekt aus. nə-vay, das ə wie das a in „comma“, das ay weich wie „face“. Nawey, Nawei. Manche sagten nə-vay-ə, was auf Deutsch klang wie „Na weia“.
„So ist es. Und womit kann ich Ihnen helfen?“
„Ich muss Sie bitten, mich zu begleiten.“
Nevaeh meinte, für einen Moment einen Herzaussetzer zu spüren, dann beschleunigte sich ihr Pulsschlag, angepeitscht von einer Woge Adrenalin. Ihr schwebte nicht die leiseste Idee vor, was der Auftritt zu bedeuten hatte.
Der Coronel musterte sie schroff. Keinerlei Begründung, kein weiteres Wort. Wie ein warmherziges Gesuch hatte sich sein Tonfall nicht im Entferntesten angehört. Er wandte sich mit einem Ruck ab, ein winziges Zucken seiner Hand, und seine Leute strömten aus, trieben die verängstigten Atacameños zu einer dicht gedrängten Gruppe zusammen und die vier Wissenschaftler, die außer ihr im Camp geblieben waren, führte man zu den beiden hinteren Jeeps. Trotz ihres zitternden Atems gab sie den Kollegen ein beruhigendes Handzeichen, versuchte, ihrer Aufgabe als stellvertretende Expeditionsleiterin gerecht zu werden und ihnen Gelassenheit und Zuversicht zu vermitteln, die sie selbst dringend benötigte. Sie spürte, dass sie diesem Kerl deutlich mehr Haltung und Courage demonstrieren musste. Mr. Terminator ergriff ihren Ellbogen und dirigierte sie zu dem vordersten Militärfahrzeug. Jede Diskussion, jeglicher Versuch, sich zur Wehr zu setzen, schien zwecklos. Dennoch unternahm sie einen Vorstoß.
„Coronel Varela, was in Gottes Namen soll das? Wir sind freie Bürger der Vereinigten Staaten. Sie dürfen nicht …“
„Schweigen Sie!“
Der barsche Ton rieselte ihr frostklirrend die Wirbelsäule hinab. Noch vor wenigen Minuten hatte sie diese Kälte ersehnt, allerdings nicht den Krampf, mit dem sich ihr Innerstes zusammenzog.
„Sie werden früh genug erfahren, worum es geht.“
Jetzt filterte sie doch einen fremdartigen, kehligen Klang aus der Sprache des Soldaten. Offenbar hatte er sich nicht vollkommen unter Kontrolle. Kleine rote Flecken der Aufregung an Varelas Hals untermauerten ihre Annahme. Sie schöpfte Mut. Ganz so überlegen, wie er sich gab, war der Mann womöglich nicht. Vielleicht erledigte sich das Problem bereits in Kürze, wenn sie Rückgrat zeigte. Darlegte, dass sie nichts zu verbergen hatten. Und vorausgesetzt, dass man keine schwerwiegenden Beschuldigungen vorbrachte, konnte man sie schlecht festhalten. Oder hatte es doch einen Unfall gegeben?
Der Fahrer des offenen Wagens kletterte auf die Rückbank. Varela quetschte sich auf den Beifahrersitz und verfrachtete seine langen Beine auf die Fahrerseite, während er Nevaeh unerbittlich am Handgelenk mit sich zog, bis er auf dem Fahrersitz saß und sie daneben. Umständlicher hatte er das nicht bewerkstelligen können. Sie biss sich auf die Unterlippe, inständig bemüht, Angst und Verunsicherung keinen größeren Raum zu gewähren. Der Coronel fuhr an, wie er sich bewegte: ruckartig und so heftig, dass der Schwung sie gegen die Rückenlehne presste. Das Anlegen des Sicherheitsgurtes bereitete Schwierigkeiten, die schnelle Fahrt durch das unwegsame Gelände warf sie im Sitz hin und her. Sie holperten auf den geschotterten Weg zu, der Richtung San Pedro de Atacama führte. Ein Lastwagen kam ihnen entgegen, der Dieselmotor knatterte lautstark. Der Truck musste auf dem Weg ins Camp sein.
Nevaehs Gedanken rasten auf der Suche nach einer Erklärung. Sie besaßen alle erforderlichen Genehmigungen und sogar die Erlaubnis, die Babymumie – sofern sie diese fanden – außer Landes zu überführen, solange man sie nach Abschluss der Untersuchungen, spätestens nach fünf Jahren an die chilenische Regierung zurückgab. Die Strafe, die ihr Arbeitgeber bei Nichteinhaltung der Vereinbarung zu zahlen hätte, war so hoch, dass man garantiert etliche Monate früher die Rückführung veranlasste, allein, um nicht Gefahr zu laufen, den Termin zu überschreiten.
Oh Gott. Diesmal drängten sich die grausigen Bilder in den Vorder-grund ihres Denkens. Die Vorstellung, dass Dad und seine Begleiter mit verrenkten Gliedern hilflos in dem Tunnel verschüttet lagen, ließ sich nicht abschütteln.
Wie unabsichtlich tastete sie mit Blicken den Horizont ab, obwohl sie nur vage ahnte, in welcher Himmelsrichtung sich eine Spur abzeichnen mochte, die den Jeep mit ihren Teamkollegen ankündigte. Dad hatte um die genaue Position der Grabungsstätte ein ebensolches Geheimnis veranstaltet wie darum, woher die Information stammte, dass sich ein zwölf Jahrtausende altes mumifiziertes Baby in der gesuchten Grabkammer befände. Angeblich war es ihm untersagt, seine Quelle zu nennen. Nevaeh hatte mehrfach Skepsis geäußert, ihm jedoch letztlich seinen Spleen gelassen, denn sie war sicher, dass Dad niemals Hirngespinsten nachjagte und das Institut nicht auf blauen Dunst hinaus eine solche Expedition finanzierte. Außerdem war sie zu versessen darauf, dass er recht hatte, hoffte, dass Erfolg ihr Unternehmen krönte, um jahrelange Studien an der Mumie vorzunehmen. Sie würde überwältigende Erkenntnisse gewinnen, sich in ihrer Lieblingsbeschäftigung vergraben, die Erfolgsleiter weiter hinaufklettern, Dads Ruf zur Ehre gereichen; bis sie sich eines Tages in eine Einöde würde zurückziehen können, um vielleicht ein Buch über ihre Arbeit zu schreiben.
Um keine Gefahr mehr darzustellen!
Die Schublade in ihrem Kopf drohte, sich gewaltsam zu öffnen.
Brandgeruch stieg ihr in die Nase und als sie um eine Kurve bogen, erfasste sie im Vorbeirasen einen ausgebrannten Lieferwagen, um den sich Soldaten mit Maschinenpistolen postiert hatten. Unförmige Körper zeichneten sich unter fünf schmutzig weißgrauen Tüchern am Straßenrand ab. Ein Stoßgebet zum Himmel sendend realisierte sie, dass es nicht ihr Vater und seine Begleiter gewesen sein konnten. Sie waren nur zu dritt.
Nevaeh zuckte zusammen, als der Coronel ihr eine Wasserflasche vor die Brust schlug. Sie griff zu. Trotz ihres Durstes nahm sie nur widerwillig einen Schluck, der warm und schal ihre ausgetrocknete Kehle hinabrann. Hoffentlich brüteten nicht Milliarden Bakterien in der Brühe. Als die Fahrt endlich etwas ruhiger verlief, startete sie einen erneuten Versuch.
„Coronel Varela, ich bitte Sie. Sagen Sie mir, was hier abläuft und warum Sie uns aus dem Camp …“ Sie verbiss sich ‚verschleppen‘, doch er schnitt ihr ohnehin das Wort ab und brachte sie mit einem scharf geschnalzten Laut zum Schweigen. Es war sinnlos. Sie drehte sich zu den beiden anderen Fahrzeugen um. Wie ein Peitschenhieb durchfuhr sie die Erkenntnis, dass nicht einmal eine Staubwolke davon zeugte, dass die Militärjeeps irgendwo zurücklagen und weiterhin dasselbe Ziel verfolgten.
„Hören Sie, ich fordere …“
Ein harter Schlag traf sie auf die Unterlippe. Nevaeh riss die Hände vor das Gesicht und würgte Blut und Schmerz ihrer aufgeplatzten Haut hinunter.

Tal des Todes – Atacamawüste

Noch immer durchfluteten Elasippos die Bilder seiner vor zwölf Jahrtausenden versunkenen Heimat, sobald er die Lider schloss.
Er sah sich auf dem Gipfel eines der gewaltigsten Bergkegel des Reiches stehen, atmete die klare Luft und blickte auf das dunstige Wolkenmeer, das nur noch die Spitze des geheiligten Berges der Hauptinsel sein wogendes Bett durchstoßen ließ. Über sich nichts als den blauen Himmel und die Sonne, die grelle Muster auf die Wolkendecke warf, fühlte er sich seinem Zwilling Mestor, ihrem ältesten Bruder und oberstem Machthaber Atlas und seinen weiteren sieben Geschwistern nahe, spürte die Stärke ihres Vaters Poseidon und die Gegenwärtigkeit aller Götter.
Die Erinnerungen flogen an ihm vorüber. Wie er am Strand saß, das Brechen der Wellen an den zerklüfteten rot-weiß-schwarzen Klippen beobachtete, der tosenden Brandung lauschte, die mit ihrem niemals endenden Rauschen und Brausen in sein Innerstes zu fließen schien und ihn zu besänftigten oder aufzupeitschen vermochte.
Elasippos schmeckte den Lebenssaft der kräftigen Stiere, die das Volk ihren Königen zur Ehre opferte, labte sich an der fröhlichen Ausgelassenheit der Alten, Frauen und Kinder, wenn die Armada in den Hafen einlief und sein Flaggschiff die drei konzentrisch angeordneten, ringförmigen Kanäle um die Hauptstadt entlangsegelte.
Und dann packte ihn wieder diese unbesiegbare Qual, die ihn seines höchsten Glückes jäh beraubt hatte. Er sah sich von einem Eroberungszug heimkehren und auf dem Rücken eines Elefanten durch das Stadttor reiten. Wie Isi neben seiner Mutter Kleito im Schatten des marmornen Streitwagens an der Längsseite des Tempels stand. Ihr schneeweißes Gewand, geziert mit einer unüberschaubaren Zahl an Kügelchen aus Oreichalkos , Gold und Silber. Das feurige Schimmern, der überirdische Glanz, als sie in die Flut des Sonnenlichts trat und ihm ein Bündel mit ausgestreckten Armen in die Höhe streckte.
Das Baby. Sein Sohn Mestor.
Er hatte der gesamten Marine befohlen, hinauszusegeln und Leucht-feuer zu entfachen. Mehr als 1.200 Ruderschiffe. Abertausende Fackeln, die den Nachthimmel in grellrote Glut verwandelten. Abertausende Stimmen, die mit engelsgleichem Gesang den Ozean zum Schweigen zwangen.
Mit Isi und dem Säugling war er auf sein Boot zurückgekehrt, hatte Segel setzen und sich von der Mannschaft an den Horizont rudern las-sen, um die Lichter der Provinz und den Bogen aus Feuer zu bewun-dern. Um unter dem Sternenzelt die Geburt seines Stammhalters zu feiern. Um mit den Göttern seine grenzenlose Freude zu teilen.
Kein Funke davon war ihm geblieben. Ein einziger Tag und eine ein-zige Nacht hatten das Reich zerstört, brachten den Zorn der Väter über seine Heimat, zertrümmerten den Kontinent mit Feuerbällen aus dem Himmel, welche die Erde beben und bersten ließen; überrollten mit Wellen, die nahezu bis an die Wolken reichten, die Siedlungen und hinterließen Zerstörung und Tod. Nicht einmal das war übrig.
Er hatte aus der Ferne die Inseln im Meer versinken sehen und der Strudel trachtete unaufhörlich danach, das Schiff in seinen tödlichen Sog zu ziehen. Die zweihundert Männer an Bord waren stark. Sie ruderten, bis ihre Kräfte erlahmten und als eine Flutwelle den Kiel packte, ihn auf seinem Kamm dahintrug und schließlich mit Urgewalt vernichtete, versanken sie mit den Trümmern, zu ermattet, den Kampf um ihr Dasein zu gewinnen.
Das Baby fest an sich gepresst, hatte er Isis Hand gehalten, doch die Gewalten entrissen sie ihm wie den animalischen Schrei seiner wunden Kehle. Dann war nichts mehr wichtig gewesen außer dem winzigen Lebewesen. Elasippos wusste nicht, wie viel Zeit dahinstrich, wie lange er auf den Wogen trieb, den Jungen mit seinem Blut zu nähren versuchte. Irgendwann hatte er Sand zwischen den Zehen gespürt und die verklebten Augen mühselig von Salzkrusten befreit. Bis er sie öffnen konnte, vergingen weitere Tage. Aber sein Sohn atmete und rührte sich leicht an seiner Brust. Sein Herzchen flatterte wie Flügelschläge eines Schmetterlings an seiner Haut.
Er nahm die Wanderung auf in das unbekannte Land, das urwüchsig und brach vor ihm lag. Niemals traf er seinesgleichen, kein menschliches Wesen zeigte sich seinem Antlitz, weder Städte noch Dörfer erhoben sich am Horizont. Hitze und Trockenperioden wechselten mit Regen, Eis und Schnee, bis mächtige Bergmassive heranrückten und er den Aufstieg gen Firmament aufnahm.
War er schon keiner Zivilisation begegnet, sah man von den vereinzelten wilden Zweibeinern ab, die er beobachtet hatte, wollte er nun den Himmelsfürsten nahe kommen und sie um Gnade und Milde bitten. Um das Überleben seines Babys, denn der Säugling, der nur wenige Wochen von Muttermilch gestillt worden war, schwächelte dahin. Wo kurze, stämmige Beinchen mittlerweile einen pummligen Körper tragen sollten, baumelten schwache Glieder, dünn wie Reisig am Rumpf des Knaben, den er stets vor den Oberkörper gebunden Herz an Herz mit sich trug.
Zeitweise fing er ein kräftiges Guanako und ritt auf ihm daher, bis er dessen Lebenssaft und Fleisch verzehren musste, um sein Kind und sich zu ernähren. Mit Lama-Milch hatte er es probiert, doch der Kleine erbrach sich, sobald er einige Schlucke getrunken hatte. Hin und wieder erlegte Elasippos Nandus und erneuerte aus deren Federkleid die Schichten, die sein Baby wärmten. Und nichtsdestotrotz spürte er, wie das Sein, das nicht hätte weichen dürfen, den ausgemergelten Leib mehr und mehr verließ. Er ahnte, lange bevor er erkannte, dass die Himmelsherrscher ihn nicht erhörten, dass die Unsterblichkeit seiner Väter nicht in seinem Nachwuchs zu keimen gedachte. Das Vermächtnis seines Blutes war nicht ausreichend gekräftigt, um die gnadenlose Härte ihrer Existenz zu bezwingen.
Er bot seine Seele für das Fortleben seines Sohnes, aber der Himmel nahm ihm auch das Letzte, für das es sich zu leben lohnte.