Prolog

Freitag, 9. September

Maggie versuchte vergeblich, die verkrusteten Augenlider zu öffnen.
Sie wusste, sie hatte stundenlang geweint, bis sie vor Erschöpfung einge-schlafen war. Aber warum? Vorsichtig ertastete sie den Stoff ihrer Decke. Er fühlte sich rau und kratzig an, nicht wie das plüschige Federbett mit dem Großformatdruck ihrer Lieblingssängerin Adele. Sie fror. Bei jedem Einatmen schien es, als wollte der Luftzug die feuchte Spur, die ihr bis an die Oberlippe lief, zu Eis verwandeln. Ihre Hände fühlten sich steif an. Als sie ihre Augenlider berührte, schrie sie auf. Die Fingerkuppen waren noch kälter als angenommen und der unerwartete Schmerz raste wie ein Nadelstich durch die Augäpfel in ihr Gehirn. Sie stöhnte, hörte den dumpfen Hall in dem winzigen Raum. Und plötzlich war alles wieder da.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sich unter den geschlossenen Lidern hervorpressten und heiß ihre Wangen hinabrollten. Elender Durst brannte in ihrer Kehle. Sie griff nach der Wasserflasche, wagte aber nicht, ihre knappe Ration anzubrechen. War es der sechste oder der siebte Tag, seit sie in diesem Verschlag aufgewacht war? Seither hatte sie nichts zu essen bekommen, doch Hunger spürte sie längst nicht mehr. Jeden Abend, wenn die Klapperschlange sie zitternd zurückließ, stellte er an der Tür eine kleine Plastikflasche ab, die nur zur Hälfte gefüllt war. Und ein neues Utensil.
Sie tastete nach dem Schweizer Taschenmesser. Gestern war es eine Glasscherbe, vorgestern eine Hupe, mit einem Miniblasebalg – in Entenform –, wie man sie an Kinderfahrrädern befestigt. Was es davor war, fiel ihr nicht mehr ein.
Zuerst hatte sie nicht begriffen, was sie mit den Gegenständen anfangen sollte. Zu groß war die Angst, er würde ihr wehtun, sie vergewaltigen; aber er betrat nicht einmal die Hütte, öffnete lediglich die Tür einen Spaltbreit. Seit er sie aufgefordert hatte, die Gegenstände am nächsten Abend an der gleichen Stelle zu platzieren, damit er sie austauschen konnte, hatte er kein Wort mehr mit ihr geredet. Er hielt sie zum Narren. Gab ihr Werkzeuge, die ihr die Hoffnung vermitteln sollten, sich befreien oder Hilfe herbeirufen zu können. Es war nur eine Illusion. Verarschung!
Der Nebel in ihrem Geist lichtete sich. War es schon Tag? Sie rieb sich die Augen, zupfte an den Wimpern, bis sie es schaffte, die Lider zu heben. Fetzen der Erinnerung an ihren Lieblingssong zogen ihr durch den Kopf und sie ließ sich auf den tröstlichen Wogen von Adeles emotionsgeladener Stimme treiben.
It was dark and I was over.*
Es war dunkel und ich war am Ende.
Erst glaubte sie, die Dunkelheit würde sich fortsetzen, sie in einen noch schlimmeren Albtraum ziehen, doch dann erkannte sie verschwommen den grauen Lichtschleier, der unter der Tür hereinfiel. Kalter Wind pfiff durch die Ritze. Während der Nacht hatte sie versucht, sich enger in die Decke zu wickeln, um den eisigen Klauen zu entgehen, die nach ihr griffen und an dem Stoff zerrten.
Es würde noch einige Stunden dauern, bis die Mittagssonne einen Strahl durch das kleine Astloch im Brett über dem Türrahmen warf. Und dann bis zur Dämmerung, bis die Klapperschlange zurückkehrte.
Maggie zitterte. Stöhnte. Musste dem Albtraum entfliehen.
But there’s a side to you that I never knew, never knew.
All the things you’d say, they were never true, never true.*
Aber da ist eine Seite an dir, die ich nie kannte, nie kannte.
All die Dinge, die du sagtest, waren niemals wahr, niemals wahr.
Sie hörte ihn bereits jetzt um die Hütte schleichen. Sein Verharren vor der Tür, das Rascheln seiner Schritte. Alles Schreien und Toben, Weinen und Flehen hatte nichts gebracht. Er blieb stumm, als wäre er nicht da. Sie wusste es besser.
Wie oft hatte sie gebetet, aufzuwachen, zu Mom ins Schlafzimmer zu flüchten und ihr von den furchtbaren Traumbildern und Empfindungen zu erzählen. Wie ihre Hände sanft über den Rücken streicheln würden, die beruhigende Stimme, die ihr flüsternd versprach, alles werde gut, nur ein böser Traum, der gleich vergessen sei, gleich vergessen. Aber das war so weit fort, dass sie beinahe mehr Angst hatte, die Erinnerung würde ihr entgleiten, als nie wieder aus diesem Martyrium aufzutauchen. Wenn dieser Kerl sie umbringen wollte, hätte er das doch längst getan, oder?
Bestimmt suchte die Polizei mit Hochdruck nach ihr und ihre Eltern setzten alles daran, eine Lösegeldforderung zu erfüllen. Sie waren nicht reich, Dad verdiente nur mittelmäßig als Handelsvertreter. Zur Not war da Tante Anne. Eine Schwester von Moms Großmutter, so alt wie vermögend und meist nicht mehr ganz beisammen.
Eine Panikwelle raubte Maggie den Atem. Was, wenn Tante Anne die Lage nicht begriff und Mom und Dad das Geld nicht auftrieben? Noch mehr Angst drehte ihr den Magen um, als sie daran dachte, dass sie gar nicht entführt worden war.
And the games you’d play, you would always win, always win.*
Und die Spiele, die du spielst, gewinnst du immer, immer.
Sie hatte sich freiwillig mit dem Mann getroffen, fühlte sich wie eine Prinzessin von ihm hofiert, hatte sein Lachen anziehend gefunden, die Art, wie er sprach und was er zu erzählen hatte. Wochenlang hatten sie nur gechattet, dann ließ sie sich darauf ein, ihm ein Foto zu schicken und von da an war er noch netter geworden und in ihrem Bauch flatterten immer mehr Schmetterlinge. Es hatte ihr nichts ausgemacht, dass er mit seinen siebenundzwanzig um elf Jahre älter war als sie, auch wenn sie später bei der ersten Begegnung den Eindruck bekam, dass er ein paar Jährchen verschwiegen hatte. Vielleicht war er Mitte dreißig.
But I set fire to the rain.*
Aber ich setze den Regen in Brand.
Ein erstickter Laut presste sich aus ihrer Kehle. Wie hatte sie nur so blöd sein können, in seinen Wagen zu steigen? Ans Meer wollten sie fahren. Lachend hatte sie ihre Tasche mit dem Schwimmzeug auf den Rücksitz geworfen, sich bereits mit ihm auf einer Strandmatte inmitten einsamer Dünen liegen sehen und die Sonne auf halb nackter Haut gespürt. Ein Beben unter der Haut bei dem Gedanken an ihren ersten richtigen Kuss – von einem echten Mann. Sie schluckte hart. Nach einer Weile drückte sie auf ein Knöpfchen ihrer Armbanduhr. Der grünliche Schimmer, den sie immer als gespenstisch empfunden hatte, wandelte sich zu einem tröstlichen Schein. Sie streckte die Arme aus, starrte auf das Licht und stellte es sich als das Ende eines Tunnels vor, den sie nur noch wenige Yards durchschreiten musste, ehe der Tag sie mit einer wärmenden Umarmung in Sicherheit empfing. Umso härter traf sie die Erkenntnis, dass sie begann, irren Hirngespinsten nachzugehen. Wenn sie verrückt würde, rettete sie das auch nicht. Sie raffte sich auf und versuchte, die Anzeige zu entziffern. 05:17:23, 24, 25, 26 … – das Datum unter der Uhrzeit bestätigte den siebten Tag ihrer Gefangenschaft. Ob sie es heute schaffen würde, zu fliehen? Sie tastete erneut nach dem Taschenmesser. Wie am Abend zuvor begann sie, ihre Umgebung gleich neben der modrigen Matratze zu erkunden. Die Wand bestand aus Holz und Maggie musste vorsichtig sein, um sich nicht wieder Splitter in die Haut zu jagen. Was erhoffte sie, heute anderes zu finden? Sie stellte sich auf, streckte sich, bis sie glaubte, ihre Zehen würden abbrechen. Akribisch fuhr sie mit den Handflächen jedes Paneel entlang. Bis ganz an die Decke reichte sie nicht. Sie schob die Messerklinge jeden Spalt entlang, ritzte, bohrte und drückte vergeblich. Keines der Bretter bewegte sich. Ein Fenster gab es nicht. Die Tür war von außen mehrfach gesichert, das Quietschen des Riegels und das Rasseln einer Kette tönten in ihren Ohren. Sie bearbeitete mit dem Messer die eisernen Türangeln, doch sie bewegten sich um keinen halben Fingerbreit. Unmöglich, die Tür einfach auszuhebeln.
Die Hütte musste sich irgendwo im Angeles National Forest inmitten der San Gabriel Mountains befinden, sonst dürfte es nachts nicht so kalt sein. Welche Chancen hatte sie, wenn es ihr gelingen sollte, zu fliehen? Sie würde sich rettungslos verirren, von wilden Tieren angefallen werden, ehe ein Ranger sie fände. Womöglich erst, wenn sie zum Skelett abgenagt dalag. Sie schüttelte die grausige Vorstellung wogender Insektenmassen ab. Ihr letzter Rest Verstand durfte nicht schwinden.
Cause I knew that that was the last time. The last time, oh, oh no.*
Denn ich wusste, es war das letzte Mal, das letzte Mal!
Nachdem sie die Wände sorgsam untersucht hatte, versuchte sie es mit dem Fußboden. Das Holz der Dielen rieb noch rauer an ihrer Haut, und auch hier wackelte nichts. Der Raum blieb leer bis auf die modrige Matratze, einen Plastikeimer ohne Henkel und eine L. A. Times vom Tag ihres Treffens, die er ihr vor die Füße geworfen hatte, damit sie sich mit dem Papier abwischen konnte. Maggie schob sich vorwärts, bis sie gegen ihr Lager stieß. Enttäuscht zog sie sich auf den Schaumstoff. Sie musste Kraft sammeln, um sich neben der Tür auf die Lauer zu stellen und zu warten, bis er kam. Sobald er öffnete, würde sie ihm die Messerklinge in den Arm stoßen, die Tür aufreißen und losrennen. Wenn sie nur nicht so müde wäre, so müde. Sie zog die Decke um die Schultern und starrte Stunden an die Decke. Gleich würde er wiederkommen. Gleich!
Let it burn, oh. Let it burn. Let it burn.*
Sie tastete in ihrer leeren Jeanstasche. Hätte sie bloß ein Feuerzeug. Was sollte sie mit einem Messer? Sich umbringen, wo er bereits ihre Seele geraubt hatte? Der letzte Hauch erhob sich in imaginäre Lüfte und flog davon.
Lass es brennen. Lass es brennen. Lass es brennen.
Abends in Los Angeles, Kalifornien

19:12:45 Crotalus: *klopfklopf*
19:12:54 Nat: greetz!
19:13:05 Crotalus: weißt du, was ich an dir mag?
19:13:08 Nat: wie bitte? nein!
19:13:13 Crotalus: ich trau mich nicht, es dir zu sagen
19:13:17 Nat: bist du zu schüchtern?
19:13:19 Crotalus: manchmal
19:13:24 Nat: warum manchmal?
19:13:52 Crotalus: …
19:13:58 Nat: was heißt das?
19:14:07 Crotalus: ich finde keine worte
19:14:12 Nat: hmm
19:14:16 Crotalus: du offenbar auch nicht
19:14:23 Nat: ich weiß halt nicht, wer du bist und worauf du hinauswillst
19:14:30 Crotalus: dann müssen wir uns besser kennenlernen
19:14:05 Nat: wer sagt, dass ich das will?
19:14:15 Crotalus: das ist es, was ich an dir mag
19:14:22 Nat: hä?
19:14:24 Crotalus: du bist ehrlich und direkt, nimmst kein blatt vor den mund
19:14:32 Nat: und woher willst du das so genau wissen?
19:14:40 Crotalus: das geht schon aus deinem profil hervor, und wie du im
öffentlichen chat schreibst
19:14:55 Nat: hast du dein alter geändert? eben stand da noch 19
19:15:25 Crotalus: ja *redface*
19:15:32 Nat: albern. ich wünsch dir was, bye
19:15:34 Crotalus: halt!
19:15:37 Nat: was?
19:15:39 Crotalus: ich würde wirklich gern …
19:15:44 Nat: WAS? komm zur sache!
19:15:50 Crotalus: … dich näher kennenlernen
19:15:55 Nat: keine chance, du bist mir zu alt
19:16:25 Crotalus: schade
19:16:27 Nat: bye!

19:33:13 Crotalus: du bist ja noch da …
19:33:16 Nat: willst du, dass ich dich auf ignore setze?
19:33:21 Crotalus: natürlich nicht!
19:33:24 Nat: dann lass mich bitte in ruhe
19:33:26 Crotalus: blöde schlampe!
19:33:27 Nat: >>> User ignored! <<<

„Hi Natana.“ Reese schloss die Haustür, schlüpfte aus den Schuhen und schob sie mit der Fußspitze an die Wand unter der Garderobe. Ihre Nichte drehte den Kopf und winkte durch die offen stehende Wohnzimmertür in den Flur. Reese musste lachen. „Kannst du keine Sekunde lang die Finger von den Tasten lassen?“
„Sofort. Will nur eben tschüss sagen.“
Reese ging zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „So war das nicht gemeint. Ich fand’s nur witzig, wie du blind in diesem Affentempo auf den Tasten rumhackst.“ Sie stützte sich auf die Lehne des Chefsessels, hob ihren Fuß und knetete die Sohle. „Machst du wieder die Jungs verrückt?“
„Mach ich nie.“ Nat grinste breit. „Wenn die verrückt sind, sorgen sie selbst dafür.“
Der rote Text in einem der vielen kleinen Dialogfenster fiel Reese ins Auge. „Du ignorierst sie?“
„Spinner, ja.“
„Sorry, ich wollte deinen Chat nicht lesen, das stach nur so hervor.“
„Solchen Bescheuerten begegnet man häufiger. Man kann sie nur ignorieren.“
„Darf ich?“ Sie war wie immer viel zu neugierig. Nat saß zwar an Reeses Computer, aber wenn sie selbst das Gerät benutzte, dann nicht zum Chatten.
„Klar.“ Nat scrollte zum Beginn des Dialogs.
„Und den Typen kennst du nicht?“
„Nein. Hat mich das erste Mal angeschrieben.“
„Ich hoffe, du triffst auf diesem Weg keine Verabredungen.“
„In der Schule hängen seit Ewigkeiten Warnungen am Schwarzen Brett.“
Reese schob sich an dem Sessel vorbei und setzte sich mit angezogenen Knien auf die Couch. „Dieser Killer hat zwei Menschen auf dem Gewissen. Vielleicht noch mehr. Er schnappt sich seine Opfer aus Chatrooms. Nicht irgendwo auf der Welt, weit weg, sondern jetzt und hier. Bei uns in L. A.!“
„Ich bin vorsichtig, versprochen.“ Nat verdrehte die Augen.
Reese musste seufzen. Wäre Natana ihre Tochter, hätte sie ihr strikt untersagt, sich mit Chatbekanntschaften zu treffen. Im gleichen Moment, als ihr der Gedanke durch den Kopf zog, korrigierte sie sich auch schon. Verbote reizten die Teenies erst recht und nutzten herzlich wenig. Nur was sollte man den jungen Leuten mit auf den Weg geben, das ihnen nicht bereits zu den Ohren heraushing, weil man es dutzendfach gesagt hatte? Dass man vorsichtig sein musste? Dass man jedem Menschen nur vor den Kopf sah? Dass im Internet Gefahren lauerten, derer man sich nicht bewusst war? Das wussten sie alles und es stoppte nicht ihren jugendlichen Erlebnishunger. Treffen dieser Art ließen sich nicht unterbinden. Es gab Dutzende Argumente und Gegenargumente und letztlich wusste man auch im realen Leben nicht, wem man in einem Pub, beim Skaten oder in der Mensa begegnete.
„Wenn du dich wirklich mal mit jemandem triffst, dann geh nicht allein zu den ersten Dates. Nimm eine Freundin mit. Sagt euren Moms, wo ihr seid. Lasst euch hinbringen und abholen.“
„Ich weiß. Mom hat mir das tausendmal gepredigt.“
„Nat, das ist kein Predigen. Nimm das bitte ernst.“
„Tu ich ja.“
„Okay. Wo ist Alana eigentlich?“
„Mom ist noch mit einem Makler unterwegs.“
Reeses Zwillingsschwester Alana suchte seit Wochen nach einer bezahlbaren Wohnung. Seit sie sich von ihrer Jugendliebe Nate getrennt hatte, wohnte sie mit Natana in Reeses kleinem Apartment. Das Wohnzimmer glich einem Durchgangslager und selbst im Schlafzimmer stapelten sich die Umzugskartons rund um das Bett bis zur Decke.
„Und wie war dein Tag?“ Natana hüpfte zu ihr aufs Sofa.
„Ach, wie immer.“ Sie lehnte sich zurück und genoss die Fußmassage der Kleinen. Reese schloss die Augen. So klein war Nat gar nicht mehr. Nächstes Jahr wurde sie volljährig. Als Alana in Natanas Alter war, feierte das Mädchen bereits seinen dritten Geburtstag. Seit dem dreizehnten Lebensjahr war Alana mit Nate zusammen gewesen und jetzt trat ein, was die Lass-dir-einen-guten-Rat-geben-Spezialisten damals prophezeit hatten. Es geht niemals gut, wenn Kinder Kinder kriegen. Eure Wege werden sich über kurz oder lang trennen. Nun, dafür hatte die Beziehung verdammt lang gehalten, auch ohne Eheringe. Immerhin knapp über achtzehn Jahre.
Reese glich Alana zwar aufs Haar, doch charakterlich unterschieden sie sich gravierend. Dass Alana so jung Mutter wurde, hatte Reese veranlasst, sich erst recht zurückzuhalten. Dafür saß sie mit einunddreißig noch immer auf dem Trockenen und sah sich weit davon entfernt, unter die Haube zu kommen. Das lag keineswegs an mangelnden Gelegenheiten und es knabberte auch nicht an ihrem Selbstbewusstsein. Vielleicht sollte sie weniger an ihren Träumen festhalten, an ihrem Glauben, dass es nur eine einzige wahre Liebe im Leben eines Menschen geben konnte. Dieses Gefühl hatte sie bislang bei keinem Mann verspürt und ihr Interesse an näheren Beziehungen war daher immer schnell abgeflaut. Schraubte sie in Wahrheit einfach ihre Anforderungen zu hoch?
Natana schaltete den Fernseher ein und Reese fielen die Augen zu.
Als sie erwachte, war es dunkel. Sie gähnte und schlich durch den Flur, um einen Blick ins Schlafzimmer zu werfen. Alana hatte sie nicht geweckt, als sie nach Hause gekommen war, und schnarchte leise neben ihrer Tochter. Reese zog sich ins Bad zurück und wusch sich. Lieber hätte sie eine heiße Dusche genommen, doch sie wollte die beiden nicht wecken. In der Küche suchte sie vergeblich nach einer Nachricht von ihrer Schwester. Damit hatte das Maklertreffen also wieder kein Ergebnis gebracht. Sie ging ins Wohnzimmer und setzte sich an den Computer. Das Chatprogramm war noch geöffnet, allerdings hatte Nat sich abgemeldet. Bist du neu bei uns? Klick hier!
Drei Minuten später starrte sie auf die beinahe unüberschaubare Anzahl der Chaträume und bekam den Mund nicht zu. Sie klickte neugierig auf Erotik. Neue Unterkategorien öffneten sich: Er sucht sie; Sie sucht ihn; Paar sucht ihn; Paar sucht sie; Fußfetisch; Soft-SM; Bondage; 40 +; Notgeil. Es nahm kein Ende. Sie beherrschte sich, nicht laut loszuprusten. Notgeil, wie abgefahren war das denn? Reese klickte sich zur Hauptauswahl zurück, suchte weiter und landete … im Channel #L. A. City Hausfrauenchat.
23:29:17 Alida: ich wünsche euch allen eine gute nacht, ihr lieben
23:30:22 Ozelot: byebye, gute n8!
23:30:24 dOOb: ich bleib noch ein wenig
23:30:33 Little: Hallo.
Zurückgelehnt wartete sie; gespannt, ob jemand auf ihre Begrüßung reagierte.



„Leben ist nicht genug, sagte der Schmetterling.
Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume gehören auch dazu.“

(Hans Christian Anderson)


Montag, 12. September, Los Angeles

Reese starrte auf den breiten Rücken des Mannes, der das Krankenzimmer verließ. Er drehte sich nicht um, wie sie gehofft hatte. Erst als sich die Tür schloss, holte sie wieder Luft. Heiliger! Das nannte sie eine Begegnung der dritten Art.
Obwohl ihr wahrscheinlich viel zu deutliches Interesse gnadenlos an ihm abgeprallt und der Traum ihrer schlaflosen Nächte unerkannt und unwiederbringlich ins Nirwana entschlüpft war, schaffte sie es nicht, die Gedanken an ihn aus dem Kopf zu bannen.
Woher mochte er stammen? Sein dichtes, schwarzes Haar besaß einen hauchzarten bläulichen Schimmer, seine Augen glichen dem Blick in eine Tasse heißen Cappuccino. Braunschwarz, warm und verheißungsvoll. Fast glaubte sie, das herbwürzige Kaffeearoma auf der Zunge zu schmecken. Sie malte sich den Riesen als dunklen Fürsten in schillernder Robe aus Tausendundeiner Nacht mit einem langen Säbel am Rock aus. Oder als Prinz der Wüste, umhüllt von einem weißen Gewand und mit der Kopfbedeckung eines Scheichs. Nur zu gern hätte sie die Gelegenheit erhalten, diesen rätselhaften Mann näher kennenzulernen, um ihm einige seiner Geheimnisse zu entlocken.
Die Patientin im Bett stöhnte leise und sofort verflogen alle Tagträume. Reese stellte das Tablett auf dem Nachtschränkchen ab und griff nach dem Handgelenk der jungen Frau. Mikayla Costello, eine Maskenbildnerin aus Los Angeles. Reese hatte sie operiert, ihr Haut von den Innenseiten des Oberschenkels auf die von Fesseln verursachten Verletzungen an ihren Handgelenken transplantiert. Nur so ließ sich eine breite Narbenbildung an den bis auf die Knochen geschundenen Wundflächen verhindern. Mikayla war von einem Psychopathen verschleppt worden, der ihre Künste für seine schändlichen Zwecke erzwungen hatte. Das ganze Krankenhaus sprach seit über zwei Wochen fast über nichts anderes. Auch ein Arzt aus dem General Hospital war in das Verbrechen hineingezogen und entführt worden.
Die Hand der Patientin lag kühl und trocken zwischen ihren Fingern. Reese suchte neben dem Verband nach dem Puls, blickte auf ihre Armbanduhr und trug das Ergebnis auf ein Blatt in ihrem Klemmbrett ein.
„Ms. Costello.“ Sie strich ihr über den Arm. „Ich muss Ihnen etwas Blut abnehmen. Glauben Sie, Sie können ein paar Tropfen entbehren?“
Mikayla öffnete die Augen. Wie seit ihrer Einlieferung wirkten sie matt und teil-nahmslos. Trotzdem versuchte Reese täglich, Ms. Costello mit einem Späßchen aufzuheitern. Sie nahm sich grundsätzlich die Zeit, persönlich nach ihren Patienten zu schauen, obwohl das zahlreiche unbezahlte Überstunden bedeutete.
„Sie haben Ihren Besuch verschlafen, Ihre Bodyguards sind gerade rausspaziert“, erzählte sie munter drauflos, während sie Desinfektionsspray auf Mikaylas Armbeuge sprühte und mit einem Tupfer trocknete.
Eine rote Locke fiel Mikayla in die Stirn. „Bodyguards?“
Das war das erste Wort, das sie seit Beginn der Behandlung sprach. Hatte Reese sie erschreckt mit ihrer unbedachten Plapperei? Sie versuchte, die Kuh vom Eis zu holen und beugte sich ein wenig vor.
„Einer der beiden hat Ihnen das Leben gerettet. Sie werden bald wieder völlig wohlauf sein, Ms. Costello.“ Vorsichtig stach sie zu, traf auf Anhieb die Vene und wartete, bis die Spritze volllief. Sie legte Mikaylas Finger auf die Einstichstelle und knickte den Arm der Patientin ein. „Schön fest pressen.“
Reese sortierte die Utensilien auf dem Tablett und kontrollierte noch einmal den Einstich. Als Mikayla nichts weiter sagte, wünschte sie ihr Gute Nacht und tat, als wäre soeben nichts Besonderes passiert. Man durfte Patienten niemals Verwunderung spüren lassen. Mikayla Costello befand sich auf dem Weg der Besserung, sie hatte es geschafft, den Panzer um sich herum zu sprengen. Jetzt konnte die Arbeit der Psychiater beginnen, die Mikayla auf dem weiten Weg der Genesung begleiten würden.
Vor dem Krankenzimmer blieb Reese einen Moment stehen und schloss die Augen. Sofort malte sich die breitschultrige Silhouette des Fremden mit seinem abweisenden Blick an die Innenseiten ihrer Lider. Sie sollte sich diese Schwärmerei aus dem Kopf schlagen. Vielleicht war er gebunden und einer dieser Männer, für die es keine andere gab. Das machte ihn umso sympathischer. Frauen gleich welchen Aussehens oder Charmes weckten in solchen Männern einfach kein Begehren, da konnte man sich auf den Kopf stellen und mit den Beinen Hurra rufen. Und überhaupt: Einen gebundenen Mann wollte sie nicht, würde sie auch niemals wissentlich anbaggern. Sie dachte an die Affären, die unter den männlichen Vertretern ihres Berufsstandes und dem weiblichen Pflegepersonal stattfanden. In einer Heimlichkeit, die so offenkundig durch das Kollegium waberte, dass es unter den geschlossenen Augen aller passierte, aber niemand etwas wissen wollte. Wie oft hatte sie zwei Schwestern tuscheln sehen, eine davon mit rot geweinten Augen, weil der smarte Herr Doktor sein Versprechen, sich von Frau und Kind zu trennen, im Lebtag nicht einzuhalten gedachte. Ihr als Ärztin blieben solche Avancen weitestgehend erspart, da verhielten sich die Kollegen lieber zurückhaltend. Es störte Reese nicht im Geringsten, im Gegenteil.
Sie meldete sich bei der Stationsleiterin ab, eilte ins Labor, um die Blutprobe abzugeben und ein Schwätzchen mit den Kollegen zu halten und ging anschließend in den Personalbereich. Während des Umziehens dachte sie an den langen Feierabend, der vor ihr lag. Als Alana und Natana noch in ihrem Apartment hausten, hatte sie täglich gewünscht, ihre Schwester würde endlich eine eigene Bleibe finden. Ein Vierteljahr lang, und erst das Treffen mit dem Makler am Freitag war erfolgreich gewesen. Am Samstagmorgen hatte Alana es ihr beim Frühstück freudestrahlend mitgeteilt und gegen Mittag bereits den Wagen vollgepackt. Kaum waren Nat und Alana zwei Tage fort, vermisste Reese die beiden und fühlte sich einsamer denn je zuvor, obwohl sie das Singledasein bisher immer genossen hatte. Sie musste dringend etwas an diesem Zustand ändern – lange hielt sie ihre Unzufriedenheit nicht mehr aus, ohne zu einer launischen Giftspritze zu mutieren. Ob sie doch mal in diesen Adult-Chatrooms herumstöbern sollte? Ihre Schwester hätte da wenig Scheu gezeigt. Zumindest, solange es anonym blieb.
Sie wühlte in der Hosentasche nach dem Autoschlüssel.
Vor ihrem inneren Auge sah sie die süße, quirlige Alana, der seit jeher alle Männerherzen zu Füßen lagen, obwohl sie nur Augen für Nate gehabt hatte. Nate und Alana ergab Natana, Alanas innigstes Glück und ihr ganzer Stolz. Alana war nicht sehr groß, reichte einem Durchschnittsmann gerade bis an die Schultern. Die fehlende Länge glich ihre Schwester mit einer Energie aus, die Reese so manches Mal Schwindel bereitete. Alanas grüne Augen leuchteten dann und wirkten, als sprühten sie elektrische Funken. Ihr von Natur aus straßenköterblondes Haar trugen sie beide seit ihrer Jugend in einem hellen Blond, an das Reese sich so gewöhnt hatte, dass sie sich gar nicht mehr anders kannte. Obwohl rein vom Äußerlichen niemand außer Mom es schaffte, sie auseinanderzuhalten, hielt Reese sich immer für eine graue Maus im Schatten ihrer zwei Minuten älteren Zwillingsschwester. Das Los der Zweitgeborenen.
„Gehn wir zu dir oder zu mir?“
Was? Die tiefe, melodische Stimme vibrierte in ihrem Inneren. Schmetterlinge stoben aufgeregt umher, ehe ihr der Sinn der Worte überhaupt richtig zu Bewusstsein kam. Ihr schoss Hitze in den Kopf und dann antwortete ein Teufelchen: „Zu mir!“
Hatte sie das etwa laut gesagt? Oh mein Gott!
Reese blickte sich um und sandte ein Dankgebet in den Himmel. Sie war allein auf dem Parkplatz, niemand hatte ihre Tagträumerei mitbekommen und ihre anrüchig angehauchte Stimme gehört.
Die Sirene eines Polizeiwagens erstarb in der Krankenhauszufahrt und eine Ambulanz kündigte sich mit schnell näher kommendem Alarmgeräusch an. Reese verabschiedete sich von ihrem Feierabend und trabte postwendend Richtung Notaufnahme. Noch während sie auf den Eingang zulief, mischte sich eine weitere Sirene in die unheilvolle Ankündigung und dann eine dritte. Hoffentlich bedeutete das nicht wieder eine Massenkarambolage auf dem Freeway. Das hatten sie erst vor wenigen Monaten hinter sich gebracht und beinahe dreißig Verletzte gleichzeitig versorgt. In den umliegenden Krankenhäusern waren weitere Beteiligte behandelt worden. Neunzig Verletzte und drei Tote lautete die Bilanz des verheerenden Unglücks, das musste sich nicht wiederholen. Sie beschleunigte die letzten Yards ihres Laufes zu einem Sprint. Ein Pfleger sah sie kommen und hielt ihr die breite Schwingtür auf.
„Behandlungsraum drei, Dr. Little.“
Sie flitzte den Gang entlang. Ihre Schuhe quietschten auf dem linoleumbehafteten Boden und das Geräusch verursachte ein Ziehen in den Zähnen. An der Tür stieß sie beinahe mit Dr. Mills zusammen. Seite an Seite betraten sie den Raum. Noch während Reese in den von einer Schwester bereitgehaltenen Kittel schlüpfte, versuchte sie, die Situation auf dem Behandlungstisch hinter einem halb zugezogenen Vorhang zu erfassen. Sie sah einen blutverkrusteten Schopf, hörte die Instrumente klimpern, die aus sterilen Behältern auf einem Rollwagen angeordnet wurden. Jemand schob einen In-fusionsständer herbei, an dem Beutel mit Ringerlösung baumelten. Ein anderer zog den Vorhang zu und Reese beobachtete die darauf tanzenden Schatten. Das Wackeln der Schläuche verriet, dass man dem Patienten bereits einen venösen Zugang gelegt hatte und die Infusion nun anschloss.
„Was ist passiert?“
„Ein Brand in einer Vorratshütte oben im Angeles Forest. Wanderer haben es bemerkt und einen Wagen gestoppt. Der Fahrer hat geholfen, eine Ausreißerin zu retten, die sich in der Hütte aufhielt. Er wurde in bewusstlosem Zustand geborgen. Kopfwunde mit hohem Blutverlust. Die beiden Wanderer sind ebenfalls verletzt.“
„Stehen Null Negativ und Plasma bereit?“
„Müssten jeden Augenblick eintreffen.“
Sie streckte die Arme aus und ließ sich Handschuhe überstreifen. Mit dem Ellbogen voran schob sie sich durch einen Spalt im Vorhang. Dr. Mills würde assistieren und begann sofort mit der Erstuntersuchung. Die Geräusche um Reese verschwammen, hinterließen den Eindruck, als bewegte sie sich viel zu langsam wie in einer zähen Melasse. In Wahrheit war es ihre Art, heikle Situationen zu erfassen. Was sie sich als ein Abspulen in Zeitlupe vorstellte und ihr dieses wattige Gefühl vermittelte, half, sich später genauestens an Details zu erinnern, die von Bedeutung sein konnten.
Sie wusste sofort, dass jede Sekunde zählte. Der provisorisch angelegte Kopfverband des Mannes zeigte sich bedenklich rot. Ihr Blick flog über die Kleidung. Keine weiteren offensichtlichen Wunden.
„Abdecken.“
Eine Schwester entfernte den blutdurchtränkten Mull und legte sterile Tücher um die Kopfwunde. Reese erkannte eine Schwellung unter dem dichten Haar. Die Beule hob sich wie ein Horn vom Schädelknochen ab. Sie fuhr mit dem Rasierapparat zunächst um das Zentrum der Verletzung und entfernte so viel Haar wie möglich, um freie Sicht zu bekommen. Blut rann permanent aus der Wunde. Möglich, dass sie es mit einem Bluter zu tun hatten. Die Bewusstlosigkeit des Mannes bereitete ihr ebenso große Sorgen. Auf den ersten Blick schien keine Schädelfraktur vorzuliegen, doch Erkenntnis würden erst die weiteren Untersuchungen zeigen.
„Wie lange ist er bewusstlos?“
„Etwa drei Stunden. Die Feuerwehr musste einen herabgekrachten Balken wegsägen, um ihn zu befreien.“
„Was ist mit dem Mädchen?“
„Wurde sofort in den OP gebracht. Mehr weiß ich leider nicht.“
Reese wandte sich wieder dem Patienten zu. Bei einer Gehirnprellung hielt eine Bewusstlosigkeit meist länger als fünf Stunden an. Auch eine Quetschung des Organs konnte sie nicht ausschließen, der Mann würde in diesem Fall vielleicht mehrere Tage ohne Bewusstsein bleiben und eine Amnesie davontragen. Sie tastete über den Wundrand. Die Schwellung verkomplizierte das Setzen der Naht, doch nach wenigen Minuten versiegte die Blutung. Reese blickte erleichtert auf. Die Gesichter der Anwesenden glänzten schweißbedeckt. Sie legte Mull auf die Wunde und nickte den beiden Schwestern zu, die sich eilig daranmachten, die rußgeschwärzte Kleidung des Mannes zu entfernen. Außer ein paar Abschürfungen und Hämatomen sowie einigen leichten Verbrennungen fand sich auch jetzt keine äußerliche Verletzung.
„MRT“, ordnete sie an, warf einen Blick auf den soeben angeschlossenen Plasmabeutel und beobachtete die Instrumente. Blutdruck und Herzfrequenz lagen im normalen Bereich.
Eine knappe Stunde später lag der Patient unter ihrem Messer. Die Befürchtung einer Gehirnquetschung mit subduralem Bluterguss hatte sich bestätigt. Sie mussten operieren, unter die harte Hirnhaut vordringen, für eine Druckentlastung des Gehirns sorgen und die Blutungsquelle veröden.

Erst weit nach Mitternacht fiel sie erschöpft ins Bett. Ihr letzter klarer Gedanke vor dem Einschlafen galt dem operierten Patienten mit der seltsamsten Tätowierung, die sie jemals gesehen hatte. Eine dünne Klapperschlange, deren gespaltene Zunge um das linke Ohrläppchen nach vorn züngelte. Ihr Körper wand sich mit gelblichen Rücken- und Flankenschuppen und einer Reihe dunkleren, ovalen Flecken unter dem Haaransatz entlang bis in den Nacken und von dort zum rechten Ohr, wo eine Schwanzrassel ebenfalls am Ohrläppchen endete.
Reese schauderte und fragte sich, wieso. Der Mann war ein Held. Er hatte ein Leben gerettet. Sie zog die Decke bis ans Kinn. Ihr Bauchgefühl sagte etwas ganz anderes.


Freitag, 23. September, Santa Rosa Island (Kalifornien) & Los Angeles

Simba wälzte sich auf seinem Lager. Wenn er nur etwas ruhen könnte. Seine Ge-danken fuhren Achterbahn, schlugen Kapriolen, wühlten Erinnerungen auf, die er längst begraben glaubte. Schmerzhafte und verdrängte Bilder, von denen er gehofft hatte, sie nie wieder zu sehen. Sie rissen keine Narben auf – stattdessen kratzten sie kaum verheilten Schorf von den Wunden seiner Seele. Zum ersten Mal, seit er zu seinen Brüdern, den G.E.N. Bloods, gestoßen war, zerrte die Pein ihn nieder und machte ihn zu dem, was er bis vor wenigen Monaten gewesen war: eine ausgebrannte Hülle, ein elendes Häufchen Mensch, das am Sinn seiner Existenz zweifelte. Nur für wenige Sekunden, dann fing er sich wieder. Das alles lag so weit hinter ihm wie ein früheres Leben, dennoch wollten ihn die Bilder der Vergangenheit nicht aus dem Griff lassen.
„Ich nenne dich Narsimha, mein kleiner Freund.“ Die knochige Hand einer alten Frau fuhr über sein Haar. „Narsimha Mishra.“ Sie hatte viel Kraft und hob ihn mit Leichtigkeit auf den Arm. „Hab keine Angst.“
Er hatte tatsächlich keine Furcht mehr, obwohl er noch Sekunden zuvor beinahe seine Hosen nass gemacht hätte. Die Stille im Wald wollte ihn erdrücken, nachdem Maa Jaisi und Pitâji ihn zurückgelassen hatten.
„Weißt du“, sie bahnte sich mit ihm einen Weg durch das Dickicht, „Narsimha bedeutet Löwe zwischen Männern, und Mishra heißt vermischt. Ich weiß, was du bist, kleiner Löwe. Ich kenne dich schon dein Leben lang, fast vier Jahre. Und ich habe keine Angst vor dir, so wenig, wie du Angst vor mir haben musst.“
Sein Herz klopfte wild. Er presste die Wange an die Schulter der Frau. Sie roch nach Moos und nach Pilzen. Die Lider hielt er geschlossen. Würde sie ihn in sein Dorf zurückbringen? Er wollte dort nicht mehr hin.
Sie ließ ihn auf den Boden sinken, glitt geschmeidig in den Schneidersitz und zog ihn mit. „Das ist unser Heim.“
Er folgte mit dem Blick der ausholenden Bewegung ihrer Arme und sah fast nichts als Papayastauden, die ihre langen Wedel hoch an ihren Stämmen in den Himmel streckten. Eine winzige Lichtung. Ein geflochtenes Blätterdach, unter dem er im Schatten einen verbeulten Kochtopf und einen Strohsack erkannte. Ob sie dort schlief und er ebenfalls unterkriechen durfte, wenn der Monsun kam?
„Nenn mich …“
„Nani-ji“, flüsterte er. Seine Kehle fühlte sich wund an.
Ein Schrei zerriss die Nacht und holte ihn abrupt in die Gegenwart. Schüsse donnerten durch die Schlucht. Simba warf sich herum, rollte hinter einen Felsbrocken und strampelte sich aus dem Schlafsack. Er hörte lautes Stöhnen. „Bhenchod!“ Ein weiterer Kugelhagel verschluckte das Schimpfwort. Er hätte sich lynchen können. Wie konnte es sein, dass ihr Lager angegriffen wurde? Erst vor einer Viertelstunde hatte er seinen Wachposten an Wade übergeben und bis dahin war alles ruhig gewesen. Wade hätte es sofort riechen müssen, wenn sich Fremde ihrem Lager näherten. Nicht umsonst verfügte er über einen Geruchssinn wie ein Aal, besser als jeder Wolf. Hatte sich Wade zu viel zugemutet?
Simba riss seine Heckler & Koch in Schussposition. Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, suchte in der Schwärze nach Mündungsfeuer, erfasste ein schwaches Aufblitzen gegenüber dem Lager und schoss. Der Aufprall seiner Salve in dichtem Buschwerk mit knorrigen, trockenen Stämmen am anderen Ende der kleinen Talenge mischte sich mit einem Aufschrei. Sofort wechselte Simba die Position, setzte mit einem langen Sprung hinter das nächste Gebüsch und feuerte erneut. Die Gegner kämpften lautlos. Viel zu professionell, obwohl er dann eigentlich längst am Boden liegen müsste. Sie hatten das Überraschungsmoment auf ihrer Seite gehabt und ihr Ziel verfehlt. Für wenige Sekunden ließ er den Blick umherhuschen, suchte die Umgebung ab. Er fluchte innerlich, weil er sein Nachtsichtgerät nicht zur Hand hatte. Dennoch zählte er sieben fast unsichtbare Mündungsfeuer. Das durfte doch nicht wahr sein. Drei in seiner Nähe mussten Wade, Neil und Dix sein. Mit ihren MP5SDs waren sie in der Regel allen Gegnern überlegen, deren Waffen sie nicht nur durch die Lautstärke, sondern besonders nachts durch das Aufblitzen verrieten. Die anderen schienen in diesem Fall die gleichen Kanonen zu benutzen. Schall- und blitzgedämpft. Fuck!
Er suchte besseren Schutz hinter einem mannshohen, aufrecht stehenden Stein und hängte sich die Maschinenpistole über die Schulter. Nachdem er sich seiner Stiefel entledigt hatte, streckte er die Zehen und Finger, bis sich die Kuppen verdickten. Seine Nägel hoben sich und darunter fuhren wie bei einer Katze lange Krallen hervor. In Bezug auf deren Größe hätte er sich kaum mit einem ausgewachsenen Raubtier messen können, dafür waren seine Krallen dank ausgiebiger Pflege schärfer. Einen weiteren Vorteil hatten ihm die Gene in die Wiege gelegt: Auf den geschwollenen Ballen seiner Füße konnte er ebenso gut schleichen wie jedes Samtpfötchen. Simba zog die Gesichtsmaske bis zum Hals hinunter und verengte die Lider, um sich nicht durch eine zufällige Lichtspiegelung in den Pupillen zu verraten. In gebückter Haltung huschte er von Deckung zu Deckung, verharrte einen Moment bewegungslos und lauschte. Ein winziges Knacken hier, ein Rascheln dort offenbarte ihm die Positionen verschiedener Personen. Er umrundete das Lager. Hier würde er am ehesten die Gegner aufspüren.
Plötzlich hörte er jemanden und sah einen schwarzen Umriss, der sich undeutlich vom Boden abhob. Ein erneutes, leises Stöhnen während einer Feuerpause verriet einen Mann, der verletzt sein musste. Die dumpfen Geräusche der Maschinenpistolen klangen aus weiterer Entfernung. Mindestens dreißig Schritte lagen zwischen Simba und dem nächsten Schützen. Er setzte zu einem weiten Sprung an, kam präzise neben dem Verletzten auf und ging in die Hocke. Simba presste ein Knie auf dessen Oberkörper und unterband die schwache Gegenwehr. Die Pistole des Mannes drückte gegen Simbas Unterschenkel. Keine Gefahr, sie lag außerhalb der Reichweite des Verletzten. Außerdem war er viel zu schwach. Ein Röcheln ließ Simba innehalten. Er nahm sofort Gewicht von der Brust des Mannes. Tastend suchte er ihn nach weiteren Waffen ab, spürte eine große Bauchwunde, fand ein Messer und nahm es an sich, ebenso wie die Maschinenpistole. Der kahl geschorene Schädel des Kerls bestätigte, dass es sich um kein Mitglied seines Teams handelte. Dieser Typ würde nirgendwo hingehen, nicht schreien und auch keinen von ihnen weiter angreifen. Sein Röcheln ließ auf die letzten Atemzüge schließen. Simba musste dichter an die anderen heran, ehe seinen Brüdern oder ihm das gleiche Schicksal drohte.
Er schlich gebückt weiter. Seine Augen waren gut an die Dunkelheit gewöhnt, dennoch erwies es sich als schwierig, Details zu erkennen. Der Mond versteckte sich immer wieder hinter dicken Wolken und auf dieser gottverdammten unbewohnten Insel erhellte nicht einmal der entfernte Schein einer Stadt den Horizont. Bäume, die Deckung boten, gab es nicht. Nur dichtes Strauchwerk, meist nicht einmal oberschenkelhoch. Hin und wieder ein größerer Felsbrocken. Die Gegner hatten das Feuer eingestellt. Mit wie vielen hatten sie es zu tun? Waren es mehr als die vier, die er gezählt hatte? Simba verharrte abrupt in der Bewegung. Vor ihm bewegte sich ein Schatten. Er konzentrierte sich und durchdrang die Schwärze mit eisiger Berechnung. Wenn sich nur die geringste Chance böte … da war sie. Kaum, dass er glaubte, auf die Silhouette eines Angreifers zu starren, stieß sich Simba ab und sprang dem Kerl auf den Rücken. Er zerfetzte mit einer Kralle den ledernen Riemen, an dem die Maschinenpistole hing, und schleuderte die Waffe fort. Gleichzeitig presste er seine Linke auf das Gesicht des Mannes. In einer geschmeidigen Bewegung rang er ihn zu Boden und verkeilte die Arme des Gegners mit seinem Gewicht unter den Knien. Eine Kralle drückte er dem Mann an die Kehle, sodass dieser das Gefühl haben musste, eine überdimensionale Rasierklinge schnitte ihm in die Haut. Simba atmete auf, dass er in der Dunkelheit nicht versehentlich einen seiner Freunde umgenietet hatte.
„Wer bist du?“, raunte er. Er erwartete nicht, eine Antwort zu bekommen und genau so war es, obwohl er dem Kerl genug Luft zum Sprechen ließ. Mit einem Kabelbinder zurrte er die Hand- und Fußgelenke zusammen und mit weiteren verschnürte er die Hände im Rücken des Mannes an den Füßen.
„Sagst du mir wenigstens die Adresse, wohin ich dich als Halloween-Päckchen schicken soll?“ Als auch jetzt nichts kam, landete über den Lippen des Angreifers ein breiter Streifen Panzertape, den Simba so leicht abriss, als hätte er sanft mit dem Fingernagel über vertrocknetes Laub gestrichen. Er hob das Bündel Mensch hoch und verfrachtete es auf dem Rücken. Mittlerweile hatte er eine markante Felsformation zu seiner Rechten identifiziert. Wenige Schritte entfernt befand sich eine Höhle. Winzig, doch groß genug, um das Paket abzuliefern, sodass seine Verbündeten ihn nicht fanden und Simba später einige Informationen herauspressen konnte.
Als er aus dem Unterschlupf hinauskroch, streifte ihn ein Luftzug. Simba ahnte, dass es nicht der Wind war und im nächsten Augenblick legte sich Neils unsichtbare Pranke auf seine Schulter.
„Es sind noch zwei. Sie ziehen sich gerade zurück. Sorry, ich bin ihnen beim Pinkeln über den Weg gestolpert und sie haben sofort angefangen, rumzuballern.“
Ein Frösteln überzog Simbas Haut. Die Stimme aus dem Nichts klang einfach zu gruselig, er würde sich nie daran gewöhnen, dass sich Neil unsichtbar machen konnte.
„Konntest du dich nicht vor dem Pinkeln in Luft auflösen?“
Er erntete ein abfälliges Schnauben. „Witzbold!“
Simba grinste. Schon blöd, wenn man sich erst nackt ausziehen musste, um seine Gabe anzuwenden. „Sind die anderen ihnen auf den Fersen?“
„Klar, Mann.“
„Welche Richtung?“
„Wasser.“
Zwischen ihnen und dem Meer lag eine schmale Anhöhe, ein Sprint von einer knappen Minute, dann endete jeder Weg an der Steilküste. Zu hoch für einen Sprung, außer, man hegte selbstmörderische Absichten.
„Dann lass sie uns mal das Fliegen lehren.“
Das Aufjaulen eines Bootsmotors durchschnitt die Stille. Vor ihnen flackerte das Licht starker Taschenlampen.
„Sie sind an Seilen die Klippen runter“, sagte Dix, als Neil und Simba bei ihm ankamen, und lenkte den Strahl seiner Taschenlampe auf eine liegen gebliebene Seilklemme. „Wir sind nur Sekunden zu spät gekommen.“
„Zurück!“ Simba machte auf dem Absatz kehrt und schnellte voran. „Wir nehmen uns meinen Gefangenen vor“, rief er über die Schulter.
Die Enttäuschung hieb ihm mit voller Wucht in den Magen, als er die Felsenöffnung ausleuchtete. Blut an den Wänden, auf dem Boden, doch von dem Mann keine Spur. Die dunkelroten, beinahe schwarzen Tropfen verloren sich nach wenigen Schritten außerhalb der Höhle. Er konnte sich bildhaft vorstellen, was der Kerl getan hatte. Das, was jeder Elitesoldat versucht hätte. Es kostete Mut und Überwindung, den Schmerz zu ertragen. Er hatte akrobatische Verrenkungen anstellen müssen, um die verdrehten Arme an den scharfen Kanten der Felsen zu reiben – so lange, bis das Plastik der Kabelbinder durchgescheuert war und er sich befreien konnte. Der Drecksack musste noch auf der Insel sein. Völlig ausgeschlossen, dass er es vor ihnen zu seinen flüch-tenden Kumpanen und die Felswand hinab geschafft haben könnte.
„In der Dunkelheit werden wir ihn nicht finden.“
„Bei Tage sieht es auch nicht besser aus. Es gibt hier zu viele Unterschlupfmöglichkeiten“, erwiderte Dix.
„Er kommt nicht weg, wenn ihn keiner abholt. Vielleicht hat er ein Funkgerät und versucht, sich mit den anderen in Verbindung zu setzen.“
„Darüber könnte ich ihm auf die Schliche kommen.“
Simba musste stets lachen, sobald er an Dix’ Erklärung dachte, wie er seine außergewöhnliche Fähigkeit zu beschreiben versuchte. Er verglich das Lesen von Funk-, Radio-, Fernseh- und Datenwellen mit dem Kämmen einer verfilzten Mähne mittels eines Läusekamms, bis man seidig glattes Haar vor sich hatte, um Nissen und Flöhe herauszupicken.
Er sah Dix vor seinem inneren Auge in einem Cartoon, wie er umherhüpfend versuchte, die unsichtbaren Schwingungen mit einer Harke einzufangen, um anschließend auf einem imaginären Datenstreifen die Inhalte wie Brailleschrift zu entziffern. Nur dass Dix das Lesen von Sendefrequenzen aller Art in absoluter Starre und viel schneller beherrschte. Im Grunde hatten die Genforscher – auch wenn Ruhm und Ehre ihnen nie beschieden waren – ganze Arbeit geleistet. Wüssten bestimmte Leute oder Gruppierungen von der Andersartigkeit der G.E.N. Bloods, würde manch einer eine Hetzjagd beginnen und Untersuchungen anstellen, um dem Wirkungskomplex der Jahrzehnte zurückliegenden Experimente auf die Spur zu kommen. Eine Vorstellung, die ihm Bauchschmerzen bereitete.
„Lasst uns zum Lager zurückgehen“, schlug Wade vor.
„Hey Mann, warum hast du eigentlich nichts gerochen?“ Simba wählte den Weg, der zu dem Toten führte. Jedenfalls war er fest überzeugt, dass der Mann seinen letzten Atemzug lange getan hatte.
„Wenn ich das wüsste. Ich rieche auch jetzt nichts.“
„Dann kannst du dich ja glücklich schätzen.“ Neil hüstelte verhalten.
Jeder wusste, wie Wade von seiner Gabe gequält wurde, und hätte um nichts in der Welt mit ihm getauscht.
„Fuck, Alter. Dein frisch gewaschener Hintern stinkt trotzdem schlimmer als sechs Wochen alte Stinktierpisse auf einem Haufen fauler Eier.“ Wade wich dem freundschaftlichen Hieb aus und lachte über das Loch, das Neil in die Luft boxte. Die gedämpfte Heiterkeit klang unecht.
Sie erreichten die Stelle, an der Simba seine Stiefel ausgezogen hatte.
„Bhenchod!“ Der Kerl, der in der Nähe liegen musste, war verschwunden. Lediglich einige platt gedrückte trockene Grashalme verrieten, wo er gelegen hatte. „Ich schwöre, der konnte nicht mehr auf allen vieren vorwärtskriechen.“
„Dann muss ihn der andere mitgenommen haben.“
„Wenn er ihn schleppt, kommen sie nicht weit.“
„In eine der Dutzenden Höhlen reicht und wir finden sie nie.“
„Wir werden das Morgengrauen nicht abwarten und sofort mit der Suche beginnen.“ Simba schwankte zwischen der Entscheidung, ob das wirklich ein guter Vorschlag von ihm war oder ob sie sich auf ihren eigentlichen Einsatz konzentrieren sollten. Das eine schloss das andere aus.
„Und die Schmuggler?“ Neil wirkte ebenso unschlüssig.
Es war ein gewinnträchtiger Auftrag, den Max an Land gezogen hatte. Erwischten sie die Ganoven, würde ihr Auftraggeber, ein kalifornischer Zigarettenhersteller, sie großzügig bezahlen. Ohne Erfolg lautete das Fazit: Außer Spesen nichts gewesen.
„Daran dachte ich auch gerade.“ Simba rieb sich den Arm. Erst jetzt spürte er einen leisen Schmerz. „Leuchte mal.“ Er tippte Wade auf die Schulter und wartete, bis dieser den Lichtstrahl positioniert hatte. Ein handlanger und beinahe fingerbreiter Riss klaffte in Simbas rechtem Oberarm. Er erinnerte sich nicht, wo er sich diesen zugezogen hatte. Die Wunde blutete nicht mehr, aber sie musste trotzdem genäht werden.
„Wir brechen ab und lassen uns den Hubschrauber schicken. Die Suche ist ohnehin zwecklos.“ Dix beugte sich vor, um die Verletzung zu betrachten. „Deine Chance, Mann. Vielleicht begegnest du im Krankenhaus wieder der süßen Ms. Right.“
„Vergiss es!“
Trotz Simbas Protest saß er Minuten später im Lager, den Arm in einem festen Verband am Oberkörper fixiert und fühlte sich wie kastriert. Er würde gern den Dreckskerlen den Arsch aufreißen, die sie hinterrücks angegriffen hatten, andererseits wollte er den Auftrag nicht versauen, den Schwarzhändlern das Handwerk zu legen.
„Das waren nicht die Schmuggler, ich hab’s im Urin.“ Simba erntete zustimmendes Brummen.
Wade drehte seinen wohl millionsten Kreis um die kleine Lagerstätte. „Ich frage mich nur, warum ich die Typen nicht gerochen habe.“
„Ja, ich auch.“ Die Antwort schoss Simba, Dix und Neil gleichzeitig aus der Kehle.
„Und warum ich noch immer nichts rieche.“
„Was?“ Simba sprang auf. Wade benötigte vielleicht schneller einen Doktor als er. „Aber sonst ist alles okay oder bist du verletzt? Und seit wann ist dir das klar?“ Eine ungute Vermutung bohrte sich wie ein Stachel in sein Fleisch. Schon zu Beginn des Gefechts hatte er sich gefragt, ob sich Wade vielleicht übernommen hatte. Immerhin war er erst vor einer Woche aus dem Krankenhaus entlassen worden und nun bereits wieder voll im Einsatz. „Glaubst du, das könnte mit deiner Blutvergiftung zusammenhängen?“ Simba mochte sich nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn das irgendeine Folgeerscheinung sein sollte.


Reese blinzelte ihre Betroffenheit aus den Augen und ließ den Blick über das Mädchen schweifen, das schlafend auf der Intensivstation lag. Welche Qual trieb eine junge Frau dazu, sich umbringen zu wollen? Welcher Wahnsinn einen Psychopathen, einen Mitmenschen zu diesem verzweifelten Schritt zu treiben?
Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, als sie den abgemagerten Körper betrachtete. Unter der Decke zeichneten sich die Beckenknochen und die spitzen Knie der Sechzehnjährigen ab. Wie leicht hätte es auch ihre Nichte Natana sein können, die anstelle von Maggie Garner um ihr Leben kämpfte. Sie lag noch in künstlichem Koma. Neben einer Rauchvergiftung hatte sie Verbrennungen dritten Grades am linken Bein erlitten und ein paar weniger schlimme Blessuren. Den Brand in der Vorratshütte hatte sie selbst gelegt, nachdem sie tagelang darin eingesperrt und einem Irren ausgeliefert gewesen war. Entgegen der ersten Annahme handelte es sich nicht um eine Ausreißerin. Maggie Garner war vermutlich ein weiteres Opfer des Chatroom-Mörders. Auswertungen ihrer Computerdateien untermauerten den Verdacht. Nach den Angaben der Polizei hatte Maggie mit dem Glas ihrer Armbanduhr unter einem Sonnenstrahl ihre Decke entfacht. Als das Feuer größer wurde, suchte sie Schutz hinter einer aufge-stellten Matratze. In den vergangenen Tagen hatte Reese zwei Operationen durchgeführt, doch vor Maggie lag ein langer Weg mit Massagen, Krankengymnastik und einer Reihe weiterer Transplantationen. Irgendwann würde sie kaum noch Spuren der Verletzung sehen und spüren.
Nicht körperlich, doch was war mit ihrer Seele? Selbst eine gestandene Frau wie Mikayla Costello, die weniger schlimme Wunden davongetragen hatte, geriet unerbittlich an ihre seelischen Grenzen.
Reese strich Maggie über den Arm. „Kämpfe“, flüsterte sie. „Tu es für dich. Das Leben ist es wert. Du wirst siegen.“
Maggie konnte sie nicht hören. In wenigen Tagen sollte sie aus dem Kunstschlaf geweckt werden und Reese würde dabei sein. Sie dachte an die blutunterlaufenen Augen der Mutter, den starren Blick des Vaters, in dem Wut und Rachsucht tobten. Im Grunde ihres Herzens würde sie es dem Verbrecher gönnen, fiele er dem Mann in die Hände, auch wenn ihr Glaube und ihre Menschlichkeit diese Denkweise vehement verboten. Sie zog sich langsam zurück, verließ die Intensivstation und suchte den Ruheraum für Ärzte auf.
Die Nacht war ereignislos verlaufen. Keine Einsätze, keine Komplikationen. Noch eine Viertelstunde, dann kam der Schichtwechsel. Ein langes Wochenende lag vor ihr. Sie erinnerte sich kaum, wann sie das letzte Mal von freitags morgens bis einschließlich Sonntag am Stück dienstfrei gehabt hatte. Eine Gelegenheit, die Gedanken einmal von den Patienten freizubekommen und sich ein Verwöhnprogramm zu gönnen. Schlafen würde sie erst am Abend, denn ab Montag begann der Tagdienst wieder und sie musste bis dahin ihren Rhythmus umstellen.
Sie legte die Hände hinter den Kopf und verfolgte durch das Fenster einen Wolkenberg, der gemächlich seine Form änderte. Die aufgehende Sonne färbte ihn von rechts in einem kräftigen Rosa, während sich die linke Seite mit scharfen Kanten vor einem babyblauen Himmel abzeichnete. Der Sieg des Tages über die Nacht ließ die Schatten immer weiter schmelzen und die Konturen verschwimmen.
Plötzlich zerstörte ein Hubschrauber wie ein hässliches schwarzes Rieseninsekt das malerische Bild. Reese setzte sich auf. Der Helikopter steuerte den Landeplatz des Krankenhauses an, aber es handelte sich nicht um einen Rettungshubschrauber. Nur selten wurden Patienten mit einem Privathubschrauber hergebracht. Das Dröhnen der Rotoren drang nur schwach zu ihr. Sie beobachtete, wie sich die Tür öffnete und drei Männer auf die asphaltierte Fläche sprangen. Zuletzt kletterte ein Vierter heraus und sie erkannte einen Verband um seinen Oberkörper. Also dann, frischauf ans Werk. Reese beeilte sich, zur Notaufnahme zu laufen.
„Können Sie mir Ihren Namen sagen, Sir?“ Nicht nur der Pfleger, der die Frage an den Patienten gestellt hatte, sah auf, als sie den Behandlungsraum betrat. Der Blick aus diesem goldbraunen Augenpaar traf sie unvorbereitet und ihr Herz meldete jählings einen Streik an.
„Narsimha Mishra.“
„Guten Morgen, Mr. Mishra.“ Reese streckte ihm die Rechte entgegen. „Ich bin Dr. Reese Little.“ Sie betete, ihr möge keine Röte ins Gesicht schießen. Der Traum ihrer schlaflosen Nächte kauerte auf der Liege und maß sie mit einem Ausdruck in den Augen, in dem Schmerz und Ablehnung, ein sexy Funkeln und unverhohlene Flirtbereitschaft einen wilden Tanz aufführten. Sie spürte ihren Adrenalinspiegel steigen.