„Gnade, Herr. Ich werde Euer ergebenster Diener sein! Bitte, Ihr müsst … Ihr könnt nicht … Ich …“ Cangoon verhaspelte sich. Der Schall seines Gewinsels brach sich an den Segmentbögen der hohen Gewölbedecke, trug ein Echo bis in den entfernt liegenden Bereich, in dem der angrenzende Neubau es verschluckte. In den anderen Richtungen verlor es sich an den groben Steinquadern entlangwabernd nur allmählich in den Tiefen des uralten Gemäuers.
Daniel Roberts schloss die Faust fester. Seine Finger umklammerten einen ovalen Griff, den Anfang einer Rundstahlkette, die wie tonnenschwer an seinem Arm hing, als verdichtete sich die Last der Verantwortung in jedem einzelnen Kettenglied. Sein Blick glitt an das Ende, an dem ein stählernes Band mit einer Magnetspule um den Hals des am Boden kauernden Vampirs gelegt war. Cangoon stotterte, er sprühte feine Speicheltropfen. Seine aus dem Oberkiefer ragenden Fangzähne hinderten ihn am Sprechen. Geifer lief an seinem Kinn hinab, doch seine gelblich glühenden Pupillen blitzten verräterisch.
„Halt’s Maul!“, donnerte eine zweite Stimme durch die Kellerflucht.
Sie gehörte zu Luka, dem Anführer ihrer Spezies, der Schattenseelen. Daniels bester Freund, ein sogar für ihn beinahe Furcht einflößender, dunkelhaariger Hüne, strotzte vor Autorität. Mit den neuerlichen Schallwellen durchzog ein dumpfes Pochen Daniels Kopf, leckte wie mit eisigen Zungen an seiner Gehirnschale. Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Die Wände aus grob behauenen Quadersteinen schienen sich auf ihn zuzuschieben, dem Umfeld eine beklemmende Enge zu geben und den Schmerz zu komprimieren. Nicht, dass er die Pein körperlich verspürte, schlimmer: Es war, als quetschte jemand seine Seele in eine Orangenpresse.
Daniel wischte die feuchte Fläche seiner freien Hand an der Jeanshose ab und schob den Griff hinein. Unnachgiebig versuchten seine ärgsten Befürchtungen, sich wie Nadelspitzen in den Vordergrund seines Denkens zu bohren.
Aufhören!
Er verbot sich, etwas anderes anzunehmen, als dass ausschließlich seine Ungeduld, die Sache hier endlich hinter sich zu bringen, den Anlass der nur zu bekannten Schmerzen gab; eventuell noch die falsche Quengelei des Vampirs. Oder trachtete diese verschlagene Kreatur kraft ihrer unheilvollen Befähigung gar danach, ihn mit einer Illusion zu hintergehen?
Daniel schüttelte den Kopf und atmete durch. Die kühle, klare Luft, die von den Ventilatoren in die Räume befördert wurde, rief ihm zu Bewusstsein, dass nichts schieflief. Nichts schieflaufen konnte. Die Belüftungsanlage arbeitete, demnach musste das Stromnetz intakt sein. Das System zu ihrem Schutz funktionierte ausgezeichnet. Seine Befürchtungen und das daraus resultierende Unwohlsein entsprangen einem Produkt seiner überspannten Nerven. Alles war in bester Ordnung.
Natürlich hätte er sich nicht vor einem Kampf mit Cangoon gescheut, sofern die Situation es erforderte. Daniel bedauerte es sogar, dass nicht er es gewesen war, der dem Vampir bei seiner Gefangennahme vor einigen Tagen die Blessuren zugefügt hatte, die unter anderem seine nackte Brust brandmarkten. Am hervorstechendsten zeichnete sich die Spur eines Flammenschwertes als breite schwarze Linie vom Bauchnabel bis zum Hals des Blutsaugers ab. Die Ränder glommen noch dunkelrot – es würde Wochen dauern, bis die Glut erlosch. Die Schmerzen, die Cangoon unweigerlich peinigen mussten, wollte Daniel nicht am eigenen Leibe erfahren – doch die Gram über die Niederlage musste einen Vampir wie ihn nahezu um den Verstand bringen, und das wog tausendmal schwerer als die Verletzungen.
Wäre Daniel im Unklaren gewesen, mit wem sie es zu tun hatten, hätte er wahrscheinlich Mitleid mit dem schlotternden Bündel empfunden, aber in diesem Fall erwiese sich Anteilnahme als fehl am Platz.
„Herr, Ihr könnt mich doch nicht …“, ertönte erneut das ohrenbetäubende Gekreische.
„Lass das scheiß Gefasel mit deinem Ihr und Euer. Du gehst mir damit gewaltig auf die Nerven.“ Mit einem verächtlichen Schnauben schnitt Luka dem auf Knien rutschenden Gefangenen das Wort ab und brachte ihn zum Schweigen. Kurzzeitig.
„Bitte, ich flehe Euch an, Herr, habt Gnade.“
Daniel schüttelte sich. Ba’al, der Wurm wollte es anscheinend nie lernen, normal zu reden. Aus welchem Jahrhundert mochte der übrig geblieben sein?
„Frag mich in 150 Jahren noch mal, Bastard“, knurrte Luka. Seine Stimme durchschnitt die Luft, die Gefährlichkeit schien beinahe zu riechen und zu schmecken. Eine Bhut Jolokia Chili verkümmerte im Vergleich zu Babynahrung.
Daniel verzog die Miene zu einer Grimasse, als er bemerkte, dass sogar in dieser Situation die Verschlagenheit nicht aus Cangoons Gesichtsausdruck wich. Er wusste, der Blutsauger würde nicht eine Millisekunde zögern, gegen ihre Übermacht zu kämpfen, ohne mit der Wimper zu zucken, selbst wenn das seinen Tod zur Folge trüge. Ein Kampf gegen Cangoon würde zu keinem Zeitpunkt leicht sein und barg die nicht unerhebliche Gefahr einer dornenreichen Niederlage. Es könnte eine ungleiche Schlacht sein, die zu größter Wahrscheinlichkeit zu ihrem Nachteil ausginge, sofern Cangoon es schaffte, seine Trumpfkarte auszuspielen. Nur mit den richtigen Waffen waren sie in der Lage, dem Erzfeind ihrer Spezies furchtlos entgegenzutreten und seinem perfiden Treiben endlich Einhalt zu gebieten.
„Dann lasst mich sterben, Herr!“
Oh, dieses Getue. Obwohl ein flehentlicher Hauch Ehrlichkeit in Cangoons Stimme lag, strafte der Zusatz „Herr“ seine Worte Lügen. Der Vampir würde keine Schattenseele als seinen Herrn ansehen. Niemals. Unumstößlich zöge jemand wie er den Tod einer jahrelangen Gefangenschaft vor. Doch der Drecksack würde nicht sterben, dafür trugen sie Sorge. Auf diese einfache Weise sollte er sich seiner Bestrafung nicht entziehen. Die „Gefängnisstrafe“ wog schlimmer für Cangoon, und das war gut so. Dennoch! Wer sich wie diese Bestie am Schmerz seiner Opfer ergötzte, es bis zum Erbrechen genoss, die Qualen in die Länge zu ziehen, der hatte eigentlich nichts anderes verdient als den tödlichen Hieb, der ihm einen Freifahrtschein in die Hölle verschaffte.
Luka richtete sich an Daniel. „Abflug?“
„Klingt gut!“
Es war überfällig, dass die Ereignisse der vergangenen Monate ihren Abschluss fanden. Mit einem Ruck zog Daniel an der Stahlkette und zwang Cangoon zum Aufstehen. Die Zeit der Schonung, in der sie seine Wunden versorgen mussten, war vorbei. Sie trieben ihn aus dem Krankenlager vor sich her in den Kellerraum, in dem eine Spezialvorrichtung auf den Vampir wartete. Ein kräftiger Stoß beförderte Cangoon in den Löwenkäfig, den Daniel in Lukas Auftrag besorgt hatte, um die Zeit bis zur Fertigstellung des Kellerumbaus zu überbrücken.
Er sprang einen halben Meter zurück, als der Blutsauger nach ihm schlug. Unbeeindruckt von den wutentbrannten Schreien und den gurgelnd ausgestoßenen Verwünschungen des Gefangenen warf Daniel das Gitter zu. Schon bald würde eine zwanzig Zentimeter dicke Tür eine fensterlose Zelle aus Stahlbetonmauern verschließen. Der Raum an sich stellte jedoch nur ein symbolisches Zeichen der Gefangenschaft dar. Daniel verriegelte die Schlösser, obwohl es für Cangoon unmöglich war, zu entkommen, mit oder ohne Käfig, mit oder ohne Gefängniszelle.
Nach einer gründlichen Kontrolle des Schutzmechanismus wandte er sich zum Gehen. „Was hältst du von einem Bier?“
„Bin dabei!“ Luka schlug in seine erhobene Handfläche ein.